Insulintherapie bei Diabetes mellitus

Wissenschaftliche Unterstützung: Andreas Vosseler M.A.

Die Insulinbehandlung ist eine lebensrettende Hormonersatztherapie, die bei Typ-1-Diabetes unerlässlich und lebenslang beizubehalten ist. Bei Menschen mit Typ-2-Diabetes wird eine Insulintherapie erst notwendig, wenn eine Veränderung des Lebensstils oder orale Antidiabetika (OAD) und/oder GLP-1-Rezeptoragonisten nicht mehr zum gewünschten Therapieerfolg führen, da die Bauchspeicheldrüse nur noch wenig Insulin herstellt oder aufgrund von Kontraindikationen keine OAD eingesetzt werden können.

Nachfolgend stellen wir Ihnen allgemeine Informationen zur Behandlung von Diabetes mellitus zusammen. Bitte beachten Sie, dass diese Informationen keine ärztliche Beratung ersetzen können und keine Empfehlungen für einzelne Therapien enthalten. Patientinnen und Patienten sollten individuelle Therapieoptionen mit ihrer behandelnden Ärztin oder ihrem behandelnden Arzt besprechen.

Das Hormon Insulin wird in den Betazellen der Langerhans-Inseln der Bauchspeicheldrüse (Pankreas) gebildet. Es reguliert die Glukoseaufnahme aus dem Blut in die Körperzellen und senkt dadurch den Blutglukosespiegel.

In Abhängigkeit von

  • der Diabetesform,
  • der individuellen Stoffwechsellage (HbA1c-Wert, Nüchtern- und/oder postprandiale Blutglukosewerte),
  • dem Tagesablauf (feste oder flexible Essgewohnheiten),
  • dem Alter und der Schulungsfähigkeit sowie
  • möglichen Besonderheiten (zum Beispiel Sport oder Schwangerschaft)

der Patientinnen und Patienten kommen verschiedene Insuline und Therapieformen zum Einsatz. Sofern eine Therapie mit OAD und/oder GLP-1-Rezeptoragonisten besteht, kann Insulin mit allen OAD und GLP-1-Rezeptoragonisten kombiniert werden.

Formen der Insulintherapie

Therapieform

Charakteristik

Indikation / Besonderheiten

Insulin

Basalunterstützte orale Therapie (BOT)

Kombination von OAD und 1-mal tägliche Gabe von Basalinsulin

 
  • Einstieg in die Insulintherapie
  • Bei älteren Patientinnen und Patienten bei denen die Insulintherapie durch Pflegepersonal und/oder Angehörige übernommen wird
 

Langwirkendes Insulinanalogon (Basalinsulin)

Prandiale/ Supplementäre Insulintherapie (SIT)

Verabreichung von Bolusinsulin zu den Hauptmahlzeiten

 
  • Erhöhte postprandiale Blutglukosewerte
  • Unregelmäßiger Tagesablauf
 

Kurzwirkendes Insulin (Bolusinsulin)

Konventionelle Insulintherapie (CT)

2-mal täglich Verabreichung einer festgelegten
Menge an Mischinsulin (meist vor dem Frühstück und Abendessen)

 
  • (Ältere) Patientinnen und Patienten mit regelmäßigen Essensgewohnheiten und ohne stark wechselnde körperliche Aktivität
 

Mischinsulin (Fixkombination)

Basis-Bolus-Therapie: Intensivierte
konventionelle Insulintherapie (ICT)

1- bis 2-mal täglich Verabreichung von Basalinsulin und vor jeder Mahlzeit Bolusinsulin.
Feste Insulineinheiten nach Insulin-Dosis-Plan

 
  • Regelmäßige Essensgewohnheiten (Kohlenhydratmenge), flexibler als CT, da Basal- und Bolusinsulin getrennt voneinander appliziert werden
  • Therapieeskalation, wenn Therapieziel unter BOT, SIT oder CT nicht erreicht wird
 

lang- und kurzwirkendes Insulin (Basal/Bolus)

Basis-Bolus-Therapie: Funktionelle
Insulintherapie (FIT)

1- bis 2-mal täglich Verabreichung von Basalinsulin und vor jeder Mahlzeit Bolusinsulin. Selbstständige Berechnung der Insulinmenge bei jeder Mahlzeit.

 
  • Abschätzen der Kohlenhydratmenge und Berechnung der sich daraus ergebenen Insulinmenge unerlässlich
  • Flexible Tages- und Essensgestaltung
  • Angestrebtes Therapie-Schema bei Typ-1-Diabetes
 

lang- und kurzwirkendes Insulin (Basal/Bolus)

Basis-Bolus-Therapie: Insulinpumpentherapie – kontinuierliche subkutane Insulininfusion (CSII)

Dauerhafte Abgabe von Bolusinsulin durch die Insulinpumpe zur basalen Insulinversorgung. Selbstständige Berechnung der Insulinmenge bei jeder Mahlzeit.

 
  • Abschätzen der Kohlenhydratmenge und Berechnung der sich daraus ergebenen Insulinmenge unerlässlich
  • Flexible Tages- und Essensgestaltung
  • Bei Typ-1-Diabetes
  • Bei Typ-2-Diabetes nur im Einzelfall
 

kurzwirkendes Analog-Insulin

Insulinarten

Die wichtigsten Merkmale eines Insulins sind Wirkeintritt und Wirkdauer. Diese können von Mensch zu Mensch, aber auch beim selben Menschen von Tag zu Tag variieren. Unter anderem hängt das Wirkprofil von Insulindosis, Injektionsort und Hauttemperatur ab.

Humaninsuline sind von der chemischen Struktur identisch mit dem körpereigenen Insulin, werden aber gentechnisch mithilfe von Bakterien oder Hefen hergestellt. Ohne den Zusatz von Substanzen, die den Wirkungseintritt verzögern, werden sie als Normalinsuline (schnell wirksam) bezeichnet. Der Wirkeintritt von Normalinsulinen erfolgt circa 20 bis 30 Minuten nach subkutaner Gabe und die Wirkdauer liegt bei circa 4 bis 6 Stunden, bei hohen Dosen auch bis zu 8 Stunden. Bei Berücksichtigung eines Spritz-Ess-Abstandes beträgt dieser in Abhängigkeit vom Ausgangsblutglukosewert zwischen 20 und 30 Minuten.

Durch die Bindung der synthetisch hergestellten Insulinmoleküle an das basische Eiweiß Protamin entstehen NPH-Insuline (Neutrales Protamin Hagedorn). NPH-Insuline sind auch unter der Bezeichnung Verzögerungsinsuline bekannt. Die Wirkdauer ist verzögert (intermediär) und liegt je nach Dosierung zwischen 8 und 12 Stunden, maximal bis zu 14 Stunden. NPH-Insuline müssen vor Injektion gründlich durchmischt werden, da sie als Suspension vorliegen und eine unzureichende Durchmischung zu einer veränderten Wirkung des Insulins führt.

Neben den Humaninsulinen sind heutzutage auch analoge Insuline, sogenannte Insulinanaloga, verfügbar. Insulinanaloga sind gentechnisch modifizierte Insulinmoleküle mit einer veränderten Pharmakokinetik. Das bedeutet, dass durch den Austausch, Zusatz und/oder die Veränderung einzelner Aminosäuresequenzen sich der Wirkungszeitpunkt und die Wirkungsdauer des Insulins variieren lassen und ein Wirkprofil entsteht, das den physiologischen Bedürfnissen näher kommt als Humaninsuline.

Es gibt sowohl lang- als auch kurzwirkende Insulinanaloga. Wie bei den Humaninsulinen gibt es bei den Insulinanaloga auch sogenannte Bolus- oder Mahlzeiten-Insuline, die schneller und über einen kürzeren Zeitraum wirken. Auch für die Korrektur von hohen Blutglukosewerten werden diese eingesetzt (Korrekturinsulin). Ihre Wirkung tritt bereits etwa 5 bis 15 Minuten nach der Injektion ein und ermöglicht den Patientinnen und Patienten ein flexibles Spritzen zum Essen ohne Einhaltung eines Zeitabstandes. Die Wirkdauer ist circa 3 bis 4 Stunden, dosisabhängig kann sie bis zu 5 Stunden anhalten. Das Wirkungsmaximum ist nach circa 1 bis 1,5 Stunden erreicht.

Gut zu wissen:

NPH-Verzögerungsinsulin und langwirksame Insulinanaloga sind Basalinsuline und werden verwendet, um den Grundbedarf des Körpers an Insulin abzudecken.

Normalinsuline und kurz wirksame Insulinanaloga werden zusätzlich als Bolusinsulin zu den Mahlzeiten oder zur Korrektur von zu hohen Blutglukosewerten gespritzt.

Langwirkende Insulinanaloga erzeugen als Langzeitinsuline eine gleichbleibende Insulinwirkung (flache Wirkungskurve) für mehr als 24 Stunden, sodass sie meist nur 1-mal täglich verabreicht werden müssen. Momentan ist auch ein langwirksames analoges Basalinsulin verfügbar, das sogar über 40 Stunden wirkt, jedoch auch 1-mal täglich verabreicht wird. Die gleichmäßige Wirkung und die geringere Tag-zu-Tag-Variabilität (Änderung des Wirkprofils von Tag zu Tag) sind ein Vorteil von analogen Basalinsulinen im Vergleich zu humanen Basalinsulinen, da sie weniger häufig zu Hypoglykämien führen. Auch müssen basale Insulinanaloga nicht durchmischt werden, da sie in klarer Lösung vorliegen.

Mischinsuline sind fixe Mischungen aus einem kurzwirksamen Insulin (human oder analog) und NPH-Insulin. Sie wirken gleichzeitig schnell und mittellang anhaltend. Je nach Zusammensetzung und Mischungsverhältnis gibt es unterschiedliche Mischinsuline. Sie werden im Rahmen einer konventionellen Insulintherapie (CT) bei Typ-2-Diabetes verwendet.

Übersicht über Insulinpräparate nach Wirkdauer

Charakteristik

Präparate (Beispiele)

Insulin

E/ml

Wirkeintritt [Min.]*

Wirkdauer [Std.]*

Hersteller

Insulin-Analoga
Basalinsuline

Tresiba®

Degludec

100/200

60-1201

>42

Novo Nordisk

Levemir®

Detemir

100

60

19-26

Novo Nordisk

Lantus®

Glargin

100

60

20-27

Sanofi-Aventis

Abasaglar®

Glargin (Biosimilar)

100

60

20-27

Lilly/Boehringer Ingelheim

Toujeo®

Glargin

300

>601

30-32

Sanofi-Aventis

Bolusinsuline (Mahlzeiten-Insuline)

NovoRapid®

Aspart

100

15

3-5

Novo Nordisk

FIASP®

Faster Aspart

100

5-10

3-5

Novo Nordisk

Apidra®

Glulisin

100

15

3-5

Sanofi-Aventis

Insulin lispro Sanofi®

Lispro (Biosimilar)

100

15

3-5

Sanofi-Aventis

Humalog®

Lispro

100/200

15

3-5

Lilly

Lyumjev®

Lispro

100/200

5

3-5

Lilly

Liprolog®

Lispro

100

15

3-5

Berlin-Chemie AG

Humaninsuline
Basalinsuline, (Intermediär- / Verzögerungsinsulin)

Protaphane®

NPH

100

60-120

14

Novo Nordisk

Insuman® Basal

NPH

100

60-120

14

Sanofi-Aventis

Huminsulin® Basal

NPH

100

60-120

14

Lilly

Berlinsulin® H Basal

NPH

100

60-120

14

Berlin-Chemie AG

Bolusinsuline (Mahlzeiten-Insuline)

Actrapid®

Normalinsulin

100

30-60

5-8

Novo Nordisk

Insuman® Rapid

Normalinsulin

100

30-60

5-8

Sanofi-Aventis

Insuman® Infusat

Normalinsulin für Insulinpumpe

100

30-60

5-8

Sanofi-Aventis

Huminsulin® Normal

Normalinsulin

100

30-60

5-8

Lilly

Berlinsulin® H Normal

Normalinsulin

100

30-60

5-8

Berlin–Chemie AG

Human-/ Analog-Mischinsuline
Mischinsuline (Verzögerungs- und Bolusinsulin in festem Mischungsverhältnis)

Actraphane® 30

30% Normalinsulin, 70% NPH

100

30-60

14

Novo Nordisk

Insuman® Comb 50

50% Normalinsulin, 50% NPH

100

30-60

14

Sanofi-Aventis

Insuman® Comb 25

25% Normalinsulin, 75% NPH

100

30-60

14

Sanofi-Aventis

Insuman® Comb 15

15% Normalinsulin, 85% NPH

100

30-60

14

Sanofi-Aventis

Huminsulin® Profil III

30% Normalinsulin, 70% NPH

100

30-60

14

Lilly

Berlinsulin® H 30/70

30% Normalinsulin, 70% NPH

100

30-60

14

Berlin-Chemie AG

NovoMix® 30

30% Aspart, 70% NPH

100

15

10-14

Novo Nordisk

Humalog® Mix50™

50% Lispro, 50% NPH

100

15

10-14

Lilly

Humalog® Mix25™

25% Lispro, 75% NPH

100

15

10-14

Lilly

Liprolog® Mix50™

50% Lispro, 50% NPH

100

15

10-14

Berlin-Chemie AG

Liprolog® Mix25™

25% Lispro, 75% NPH

100

15

10-14

Berlin-Chemie AG

*Individuelle Abweichungen möglich. Der Wirkeintritt und die Wirkdauer können in Abhängigkeit von der Dosis, der individuellen Insulin-Absorption im Körper sowie der Applikationsform, dem Applikationsort und dem Applikationszeitpunkt variieren.
1Aufgrund der langen Wirkdauer und der flachen Wirkungskurve kommt es zu einem allmählichen, gleichmäßigen Wirkeintritt.

Stand: Oktober 2020

Modifiziert nach Deutsche Diabetes Gesellschaft: S3-Leitlinie Therapie des Typ-1-Diabetes. 2. Auflage. 2018

Quellen:

Bundesärztekammer et al.: Nationale Versorgungsleitlinie Typ-2-Diabetes. Langfassung. 2. Auflage. 2020 (Konsultationsfassung; Konsultationsphase abgeschlossen, Finalfassung der Leitlinie wird erarbeitet))
Bundesärztekammer et al.: Nationale Versorgungsleitlinie Therapie des Typ-2-Diabetes. Langfassung. 1. Auflage. Version 4. 2014 (Gültigkeit abgelaufen, in Überarbeitung)
Deutsche Diabetes Gesellschaft: S3-Leitlinie Therapie des Typ-1-Diabetes. 2. Auflage. 2018
Haak, T. et al.: Therapie des Typ-1-Diabetes. In: Diabetologie, 2019, 14: S142-S152
Häring, H.-U. et al. (2011): Diabetologie in Klinik und Praxis. 6. Auflage. Georg Thieme Verlag KG, ISBN: 9783135128061
Landgraf, R. et al.: Therapie des Typ-2-Diabetes. In: Diabetologie, 2019, 14: S167-S187
Lechleitner, M. et al.: Insulintherapie bei Diabetes mellitus. In: Wiener klinische Wochenschrift, 2016, 128: 54-61
Lilly: Fachinformation Lyumjev® 100 Einheiten/ml Injektionslösung. (Letzter Abruf: 19.08.2020)
Rosenstock, J. et al.: Reduced Hypoglycemia Risk with Insulin Glargine: A meta-analysis comparing insulin glargine with human NPH insulin in type 2 diabetes. In: Diabetes Care, 2005, 28: 950-955
Stand: 21.10.2020