Körperliche Aktivität bei Diabetes Typ 1: Weitere Informationen

Wissenschaftliche Unterstützung: Prof. Dr. Christine Joisten

Körperliche Aktivität – ob Spazierengehen, Gartenarbeit oder Sport – nutzt Menschen mit Typ-1-Diabetes: erniedrigte Blutfettwerte, weniger Fettgewebe, mehr Fitness und mitunter bessere Blutglukosewerte. Mit der richtigen Vorbereitung können negative Folgen wie Stoffwechselentgleisungen vermieden werden. So ist es Menschen mit Typ-1-Diabetes möglich, jede Aktivität und nahezu jede Sportart auszuüben.

Die spezifischen positiven Effekte regelmäßiger Bewegung auf eine Diabetes-Erkrankung sind vielfältig. So benötigen aktive Erwachsene mit Typ-1-Diabetes beispielsweise weniger Insulin als inaktive. Kinder und Jugendliche mit Typ-1-Diabetes konnten durch regelmäßige Bewegung ihren HbA1c-Wert um 0,3 Prozent senken. Körperliche Aktivität verringert zudem das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Auch andere Diabetes-Folgeerkrankungen wie Retinopathie und Mikroalbuminurie kommen seltener vor. Körperliche Aktivität entfaltet für Menschen mit Typ-1-Diabetes noch weitergehende positive Wirkungen. So scheint Sport einen immunmodulatorischen Effekt auf die Diabetes-Entstehung zu haben, und bei Krankheitsbeginn die Zeitspanne zu verlängern, in der noch kein Insulin von außen zugeführt werden muss.

Was passiert während des Trainings im Körper?

Während körperlicher Belastung verbrauchen die Muskeln Glukose; genutzt werden zunächst die muskeleigenen Reserven (das Glykogen), dann die Glukose aus dem Blut. Der dadurch bedingte Glukoseabfall wird durch eine Glukosefreisetzung in der Leber ausgeglichen. Zu diesem Zweck hemmt der Körper die Insulinsekretion in der Bauchspeicheldrüse und steigert die Sekretion des Insulingegenspielers Glukagon. Die Glukoseaufnahme in den beanspruchten Muskeln kann bis zu 50-mal höher liegen als im inaktiven Zustand.

Bei Menschen mit Typ-1-Diabetes führt jede Insulininjektion zu einem Insulinüberschuss im Körper. Das fördert die Aufnahme von Glukose in den Muskel, blockiert aber gleichzeitig die so wichtige Glukosefreisetzung in der Leber. Dadurch kommt es bei längerer Belastung – bei moderatem Ausdauersport etwa nach 45 Minuten – zu einer Hypoglykämie.

Gut zu wissen:

Sporttreibende mit Diabetes finden auf der Seite der Vereinigung diabetischer Sportler idaa.de Empfehlungen und Erfahrungsberichte.

Durch richtige Vorbereitung und eine gute Blutglukosekontrolle lässt sich dieses Risiko jedoch minimieren. Langfristig schützt regelmäßige Aktivität sogar vor einer schweren Hypoglykämie mit Koma.

Hier steht die Grafik für Sie zum Download (pdf) bereit: 


 

Gezielt vorbereiten – Insulindosis an Bewegung anpassen

Um negative Folgen körperlicher Aktivität zu verhindern, sollten Menschen mit Typ-1-Diabetes Folgendes beachten:

  • Blutglukose überwachen. Menschen mit Typ-1-Diabetes sollten vor, während und nach körperlicher Aktivität die Blutglukose kontrollieren. Das hilft ihnen, einzuschätzen, wie ihr Körper auf eine spezielle Bewegung reagiert. Litt eine Person in den letzten 24 Stunden unter einer schweren Hypoglykämie, sollte sie das Training sicherheitshalber ausfallen lassen.
     
  • Blutglukoseabfall einplanen. Günstig ist, wenn die Blutglukose kurz vor dem Training zwischen 120 bis 180 mg/dl (6,7 bis 10 mmol/l) liegt. So wirkt sich eine Absenkung während der Aktivität weniger drastisch aus. Da der Blutglukoseabfall bei Krafttraining und Hochintensitätsintervalltraining (HIIT) weniger stark ausfällt, sind vor solch einem Training niedrigere Werte vertretbar (90 bis 126 mg/dl beziehungsweise 5 bis 7 mmol/l). Liegt die Blutglukose unter 90 mg/dl (5 mmol/l) sollte man dagegen noch nicht mit dem Sport starten, sondern erst Kohlenhydrate zuführen.

Gut zu wissen:

Körperliche Aktivität kann Menschen mit Typ-1-Diabetes dann uneingeschränkt empfohlen werden, wenn Insulininjektion, Glukoseaufnahme und der durch Aktivität gesteigerte Energieumsatz präzise aufeinander abgestimmt sind.

  • Vorsicht vor Blutglukoseanstiegen. Stress, wie vor sportlichen Wettkämpfen, aber auch die generell mit intensiverer Belastung verbundene Adrenalinausschüttung kann die Blutglukosewerte vorübergehend erhöhen. Auch dieser Aspekt muss in der Zuführung von Kohlenhydraten beziehungsweise bei der Insulingabe berücksichtigt werden.
     
  • Insulindosis senken. Durch Senkung der Insulindosis kann ebenfalls das Risiko für eine Hypoglykämie während der körperlichen Aktivität verringert werden. So kann beispielsweise eine 30- bis 50-prozentige Reduktion der Insulindosis 90 Minuten vor einem Ausdauertraining sinnvoll sein. Das ist jedoch immer vorab mit der Ärztin oder dem Arzt abzusprechen.
     
  • Beim Sport snacken. Gerade bei länger dauernden Aktivitäten ist es wichtig, für Glukosenachschub zu sorgen. Traubenzucker und voll-reife Bananen wirken schnell, Müsliriegel, Brot oder nicht zu reife Bananen brauchen länger, bevor sie der Körper zu Glukose umwandelt. Eine Kombination aus schnellen und langsamen Energielieferanten ist der ideale Begleiter für den Sport. Sie sollten rund eine halbe Stunde nach Trainingsbeginn zum Einsatz kommen. Sportgetränke mit Kohlenhydraten (6 bis 8 Prozent) und Elektrolyten eignen sich auch gut. Bei kürzeren und intensiveren Aktivitäten werden allgemein weniger Extra-Kohlenhydrate benötigt.
  • Insulinmangel vorab beheben. Liegen die Blutglukosewerte oberhalb von 250 mg/dl (13,9 mmol/l) und liegen Ketonämie (Blutazeton größer 1,1 mmol/l) und Ketonurie (Azeton im Urin) vor, besteht ein starker Insulinmangel, der vor der körperlichen Aktivität zunächst behoben werden sollte.
     
  • Reaktionen protokollieren. Wie Insulin- und Glukosezufuhr optimal an Bewegung angepasst werden kann, muss jeder Mensch mit Typ-1-Diabetes durch aufmerksame Beobachtung und regelmäßige Messungen selbst herausfinden. Dabei hilft ein Trainingstagebuch, in dem unter anderem Blutglukoseprofil, Insulindosis, Zeitabstand zwischen Injektion und Training, Extra-Kohlenhydrate und die Belastungsform festgehalten werden. Es ist sinnvoll, gemeinsam mit dem eigenen Diabetes-Team (zum Beispiel der Diabetesberaterin oder dem Diabetesberater sowie der behandelnden Diabetologin beziehungsweise dem behandelnden Diabetologen) und den Aufzeichnungen die Therapie zu optimieren.

Gut zu wissen:

Weitere Informationen und detailliertere Angaben zu Anpassung der Insulintherapie bei Sport liefern die Praxisempfehlungen "Diabetes, Sport und Bewegung" der Deutschen Diabetes Gesellschaft.

Hypoglykämie, was nun?

Kommt es trotz aller Vorsorgemaßnahmen während der Aktivität doch zu einer Hypoglykämie, sollte zunächst der Blutglukosespiegel gemessen werden. Bei geringen Werten empfiehlt es sich als Erstes schnell wirksame Kohlenhydrate und anschließend nochmal langsam wirkende Kohlenhydrate (Banane, Müsliriegel, Brot) zu sich zu nehmen. In der Regel dauert es mindestens 15 Minuten, bis der Blutglukosespiegel ein leicht erhöhtes Niveau erreicht hat (150 mg/dl beziehungsweise 8,3 mmol/l). Dann ist es möglich, die Aktivität fortzusetzen.

Insulinmangel durch körperliche Aktivität und Stress, wie vor sportlichen Wettkämpfen, lässt den Spiegel der Hormone ansteigen, die dem Insulin entgegenwirken. Das führt dazu, dass verstärkt Glukose aus der Leber freigesetzt wird und der Blutglukosespiegel steigt. Da Insulin fehlt, können die Muskeln jedoch keine Glukose aufnehmen. So decken die Muskeln ihren Energiebedarf durch freie Fettsäuren. Das führt unbehandelt letztendlich zu einer Ketoazidose. Sie kann lebensgefährlich sein und äußert sich in Atembeschwerden, Übelkeit, Erbrechen und Schwäche. Fällt der Ketontest positiv aus, sollte Insulin gespritzt und auf körperliche Aktivität verzichtet werden.

Nach der Aktivität

Auch nach einer körperlichen Anstrengung müssen Menschen mit Typ-1-Diabetes aufmerksam bleiben. Denn der Körper füllt in den Stunden und mitunter Tagen danach die geleerten Glykogenspeicher im Muskel wieder auf und holt sich dafür die Glukose aus dem Blut. Auch dann kann es noch zu einer Hypoglykämie kommen. Das Risiko für eine nächtliche Hypoglykämie ist am höchsten nach einer Trainingseinheit am Nachmittag. Daher sollten Menschen mit Typ-1-Diabetes weiterhin aufmerksam die Blutglukose beobachten, gegebenenfalls weniger Insulin spritzen oder etwas mehr essen und mit höheren Blutglukosewerten schlafen gehen. So senkt beispielsweise Krafttraining den Glukosespiegel in der Nachbelastungsphase stärker als Ausdauertraining. In jedem Fall sollte nach dem Sport mithilfe einer kohlenhydratreichen Mahlzeit die Glukosezufuhr sichergestellt werden.

Wie viel und welche Aktivität sollte es sein?

Menschen mit Typ-1-Diabetes sollten mindestens 150 Minuten pro Woche körperlich aktiv sein. Da die für den Glukosehaushalt positiven Effekte nach 1 bis 2 Tagen wieder nachlassen, raten Experten, nicht mehr als 2 Tage zwischen den Bewegungseinheiten vergehen zu lassen. Kinder und Jugendliche mit Typ-1-Diabetes sollten sich sogar noch mehr bewegen. Mindestens 1 Stunde pro Tag körperliche Aktivität, lautet die Empfehlung. Je inaktiver jüngere Menschen sind, desto höher ist auch ihr HbA1c-Wert.

Um Herz-Kreislauf-Fitness, Insulinempfindlichkeit, Glukosehaushalt und Blutglukosekontrolle zu verbessern, eignet sich eine Kombination aus Ausdauer- und Krafttraining. Im Hochintensitätsintervalltraining (HIIT) wechselt sich eine kurze intensive Bewegungsphase mit einer moderaten Bewegung ab. Studien zeigen, dass HIIT – zumindest bei Menschen mit Typ-2-Diabetes – den Glukosehaushalt noch effektiver verbessert als Ausdauertraining. Inzwischen sind aber auch Bewegungsformen wie Tai-Chi und Yoga insbesondere im Kontext mit Typ-2-Diabetes untersucht worden und zeigen positive Effekte.

Gut zu wissen:

Durch unpassendes Schuhwerk bestehen bei peripherer diabetischer Neuropathie Risiken für die Manifestation eines Diabetischen Fußsyndroms. Es können spezielle Sportschuhe nötig werden. Wichtig ist es, die Füße jedes Mal nach dem Sport auf Druckstellen zu untersuchen.

Zu beachten gilt, dass bei proliferativer Retinopathie Blutdruckanstiege über 180 bis 200/100 mmHg vermieden werden. Nach Laserung der Netzhaut oder Augenoperation ist 6 Wochen keine körperliche Belastung angezeigt. Krafttraining und Kampfsportarten sind bei Retinopathie nicht geeignet. Bei autonomer Neuropathie muss die Störung der physiologischen Blutdruck- und Herzfrequenzregulation beachtet werden.

Beim Schwimmen oder bei Kampfsportarten müssen die Insulinpumpen mit Schlauch in der Regel abgelegt werden. Dabei sollte vorher die Blutglukose gemessen werden. Wenn der Blutglukosespiegel zwischen 120 und 180 mg/dl (6,7 bis 10 mmol/l) liegt, dürfen Trägerinnen und Träger ihre Insulinpumpe für maximal 2 Stunden abkoppeln. Die Blutglukose sollte alle 30 Minuten kontrolliert werden.

Quellen:

American Diabetes Association: Standards of Medical Care in Diabetes - 2020. In: Diabetes Care, 2020, 43: S1-S212
Codella, R. et al.: Why should people with type 1 diabetes exercise regularly? In: Acta Diabetol, 2017, 54: 615–630
Esefeld, K. et al.: Diabetes, Sport und Bewegung. In: Diabetologie, 2019, 14 (Suppl 2): S214–S221
Riddell, M. C. et al.: Exercise management in type 1 diabetes: a consensus statement. In: The Lancet Diabetes & Endocrinology, 2017; 5: 377–390
Štotl, I. et al.: Different Types of Physical Activity and Metabolic Control in People With Type 1 Diabetes Mellitus. In: Front Physiol, 2019, 10: 1210
Stand: 22.09.2020