„Hilf dir selbst und nimm dein Schicksal gemeinsam mit anderen in die Hand“

Johann G. ist 79 Jahre alt und lebt seit 1996 mit Typ-2-Diabetes. Er ist schlank, sportlich und hat 2003 eine Diabetes-Sportgruppe gegründet. Noch vor einiger Zeit fuhr er rund 7.000 Kilometer Rad im Jahr. Seit sein Hund nicht mehr lebt, sind seine täglichen Fahrradrunden etwas kürzer geworden. Und er ist engagiert, der Umweltschutz liegt ihm auch am Herzen. So setzt er sich in seiner Selbsthilfegruppe dafür ein, dass die Batterien in den Sensoren der Blutzuckermesssysteme ordnungsgemäß entsorgt werden.

Seinen Blutzuckerverlauf dokumentiert er ordentlich und regelmäßig. Das hilft ihm dabei, die Krankheit gut in Schach zu halten. Über die Jahre hinweg hat er ein hilfreiches Diabetes-Handbuch erstellt. Im Folgenden berichtet er über seinen Umgang mit der Erkrankung im Alltag.

Welche Diabetes-Anzeichen gab es und wie wurde schließlich die Erkrankung Typ-2-Diabetes festgestellt?

Es gab für mich damals keine Anzeichen. Die Krankheit wurde zufällig entdeckt. 1996 hatte ich einen Bandscheibenvorfall und musste ins Krankenhaus. Bei der routinemäßigen Blutabnahme wurde festgestellt, dass ich einen HbA1c-Wert von 10,1 Prozent hatte.

Ich wusste sehr wenig über die Erkrankung. Meine Mutter hatte zwar Diabetes, davon habe ich aber wenig mitbekommen. Zur damaligen Zeit, vor etwa 50 Jahren, war Diabetes ja fast ein „Fremdwort“.

Haben Sie mit der Diagnose gehadert oder war es ein Weckruf für Sie? Was hat sich danach für Sie verändert?

Es war gleichzeitig ein Schock und ein Weckruf. Zunächst war ich richtig niedergeschlagen. Ich habe versucht, mehr auf meine Ernährung zu achten und habe mir einen Diabetologen gesucht. Jedoch hatte ich weiterhin eine Wochenarbeitszeit von 60 bis 70 Stunden mit vielen Besprechungen und Dienstreisen, einschließlich unregelmäßiger Essenszeiten. Das war Action pur. Da blieb für Diabetes fast keine Zeit. Erst als ich im Jahr 2000 in Rente ging, hat sich vieles geändert. Richtig ‚Klick‘ hat es eigentlich erst gemacht, nachdem ich so viele gleichgesinnte Menschen mit Diabetes in der Selbsthilfegruppe kennengelernt hatte, die mir weiterhelfen konnten. Auch die Vorträge in der Selbsthilfegruppe haben mein Wissen über Diabetes wesentlich verbessert.

Ein Jahr nach der Diagnose war ich zum ersten Mal auf Kur. Da wurde ich vollgestopft mit Informationen. Als Laie ist man damit erstmal völlig überfordert. Daraufhin habe ich mich hingesetzt und angefangen, für mich eine Struktur in all diese Informationen zu bringen. So ist später mein Diabetes-Handbuch entstanden, das ich auch anderen als Hilfestellung an die Hand gebe. Hierin enthalten ist zum Beispiel das Wichtigste in Kurzform, Formulare für Blutzucker und Bluthochdruck, ein Medikamentenplan, Checklisten oder Informationen darüber, was ich beim Sport beachten muss. Aber auch Berechnungen sind enthalten: Wie ermittle ich meinem BMI? Wie berechne ich die Broteinheit (BE) eines Lebensmittels? Viele Menschen mit Diabetes berechnen oder schätzen die BEs nicht. Das ist schade, weil es wirklich so einfach ist. Wenn sich jeder selbst damit auseinandersetzen würde, dann würde er seinen Diabetes besser in den Griff bekommen.

Wie haben Sie sich über die Krankheit informiert? Besuchen Sie immer noch Schulungen oder Vorträge zum Thema Typ-2-Diabetes?

Ich war 2-mal in der Reha. Seit 2000 bin ich in der Diabetes-Selbsthilfegruppe München aktiv und höre mir da viele Vorträge an, auch auf Kongressen. Ich lese außerdem Fachzeitschriften und Firmeninfos und interessiere mich auch für die Diabetes-Leitlinien. Meine Familie gibt mir Informationen aus dem Internet weiter. All diese Informationen lege ich ordentlich ab, damit ich sie später, wenn ich etwas nachlesen will, wiederfinde. Selbstmanagement wird bei mir einfach großgeschrieben.

Welche Therapie müssen Sie einhalten?

Ganz zu Beginn der Erkrankung habe ich Tabletten bekommen. Dann wurde ich relativ schnell auf Insulin umgestellt. Dabei gehe ich nach den Regeln der intensivierten konventionellen Insulintherapie vor. Das heißt, ich spritze morgens, mittags und abends ein Kurzzeitinsulin vor den Mahlzeiten und nachts das Langzeitinsulin. Das spritze ich entsprechend dem Plan meines Diabetologen – zurzeit sind das 16 Insulineinheiten. Natürlich kommt es auch vor, dass ich Korrekturinsulin spritzen oder Traubenzucker essen muss, wenn ich zu viel oder zu wenig Insulin gespritzt habe. Aber eigentlich habe ich es gut im Griff.

Die Menge an Insulin, die ich vor dem Essen spritzen muss, ermittle ich aus den geschätzten BEs, die ich esse und aus meinem Insulinfaktor. Dieser ist bei mir 1,0. Wenn ich also beispielsweise 6 BEs esse, spritze ich mir 6 Insulineinheiten (6 BEs x 1,0 Insulinfaktor). Etwas weniger Insulin spritze ich mir, wenn ich später noch sportlich aktiv bin oder wenn der Blutzucker vor dem Essen unter 100 mg/dl (5,6 mmol/l) ist.

Insgesamt ist mein Krankheitsverlauf sehr positiv. Zurzeit habe ich einen HbA1c-Wert von 6,3 Prozent.

Mussten Sie Ihre Ernährung umstellen?

Schlank war ich eigentlich schon immer. Der Hochzeitsanzug passt noch. Und das ist über 50 Jahre her (lacht).

Natürlich wurde die Ernährung umgestellt. Meine Frau achtet beim Kochen auf Zucker, Salz, Fett, Eiweiß und Kohlenhydrate, einfach auf eine ausgewogene Ernährung. Ich mache keine Diät. Wichtig sind auch geregelte Mahlzeiten. Ohne Frühstück gehe ich nicht aus dem Haus.

Wie gehen Sie beispielsweise bei Geburtstagsfeiern oder an Weihnachten mit Ihrem Diabetes um – Stichwort Geburtstagskuchen und Plätzchen?

Ich versuche wenig davon zu essen, jedoch gelingt mir das nicht immer. Außerdem gönne ich mir ganz bewusst schon mal etwas. Gerne zum Abendessen ein Glas Bier.

Wie ist es Ihnen gelungen, sich mehr zu bewegen und was hat Ihnen dabei geholfen?

Bewegt habe ich mich schon immer recht gern, obwohl sich die Bewegung berufsbedingt in Grenzen gehalten hat.

Später, mit meinem Hund, meinem größten Motivator, war ich jeden Tag unterwegs, meistens mit dem Fahrrad. In meinen und seinen besten Zeiten sind da mehr als 7.000 Kilometer im Jahr zusammengekommen. Als er krank wurde, wurden die Strecken immer kürzer. Jetzt mache ich fast täglich meine „Gedächtnisfahrten“ mit dem Fahrrad – so etwa 20 Kilometer sind das immer noch. Ich höre jetzt nicht einfach auf damit. Es tut mir gut. Für fast alle Einkäufe und sonstige Erledigungen nehme ich ebenfalls das Fahrrad. Bei Wind und Wetter. Auch im Winter bei Schneematsch. Das ist schon ein bisschen gefährlich. Aber früher wollte mein Hund die Bewegung haben und ich liebe die Gefahr (lacht).

Nach der Diabetes-Diagnose bin ich einer Herzsportgruppe beigetreten. Dann habe ich 2003 eine eigene Diabetes-Sportgruppe gegründet und natürlich auch besucht. Da gehe ich immer noch regelmäßig hin.

Ich habe mich bei der Stadt erkundigt, was zu tun ist und dann wurde mir eine Turnhalle zugewiesen. Dann habe ich einen Verein gesucht und den Turnerbund gefunden.

Leider bewegen sich viele Menschen mit Diabetes zu wenig. Da werden Tabletten geschluckt und dann leider nichts mehr gemacht.

Was machen Sie in der Diabetes-Sportgruppe?

Vor den Gymnastikstunden werden Blutzucker, Blutdruck und Puls gemessen. Dann folgt die Bewegung, die sich in Spiele zur Konzentrationsförderung und Gymnastik zum Muskelaufbau und für die Beweglichkeit gliedert. Anschließend folgt eine Entspannungsphase für Muskeln und Geist. Nach den Sportstunden wird der Blutzucker abermals kontrolliert, um die Auswirkung festzustellen.

Welchen Hürden oder unangenehmen Situationen begegnen Sie im Alltag?

Unterzuckerungen sind immer unangenehm. Das geht bei mir bei einem Blutzuckerwert von 50 oder 40 mg/dl (2,7 oder 2,2 mmol/l) los. Ich bin dann nervös, zittrig, unkonzentriert und wenn die Unterzuckerung sehr stark ist, bin ich verwirrt und habe Sprachstörungen. Das ist natürlich unterschiedlich. Die Unterzuckerungen treffen mich vor allem nachts, wenn ich am Abend zu viel Insulin gespritzt habe. Zum Glück habe ich ein Blutzuckermessgerät, das meinen Zuckergehalt rund um die Uhr überwacht. Ist der Wert zu niedrig, schlägt das Gerät Alarm und ich kann gleich reagieren.

Außerdem vermeide ich es, mich in der Öffentlichkeit, beispielsweise im Restaurant, zu spritzen. Mir persönlich ist es lieber, das diskret zu machen. Es gibt Menschen, die können das nicht sehen. Das muss ja nicht sein. Und weil wir gerade beim Thema Spritzen sind: Es gibt tatsächlich genügend Leute, die – gerade in der Öffentlichkeit – dann einfach durch den Kleidungsstoff durchspritzen. Das ist natürlich keine gute Idee.

Gut zu wissen:

Eine Injektion durch die Kleidung wird nicht empfohlen: Unter anderem ist es schwieriger eine korrekt angehobene Hautfalte zu fassen. Ferner sieht man nicht, ob beispielsweise in einen Leberfleck oder eine Narbe gestochen wird und ob Insulin aus der Einstichstelle austritt. Falls doch einmal durch die Kleidung gespritzt wird, sollte aus hygienischen Gründen für die nächste Injektion eine neue Nadel verwendet werden.

Was hat Ihnen die Teilnahme an einer Selbsthilfegruppe gebracht?

Ich habe viele nette Menschen kennengelernt. Außerdem habe ich viele Vorträge von Referentinnen und Referenten gehört und viele Informationen und Infomaterial über Diabetes erhalten. So bleibt man auf dem neuesten Stand. Außerdem ist es auch schön, gemeinsame Ausflüge mit Gleichgesinnten zu unternehmen.

Was hat Ihnen beim Umgang mit der Erkrankung am meisten geholfen?

Am meisten hat mir die Bewegung geholfen. Und auch ein bewusster Umgang mit dem Essen. Für mich war das Aneignen von Wissen über Diabetes beziehungsweise Schulungen auch sehr hilfreich. Letztendlich musste ich mir darüber bewusstwerden, dass ich Diabetes habe. Ich habe mich angepasst, lebe danach und passe auf mich auf. Ich habe ja schließlich auch eine Familie.

Sind Folgeerkrankungen des Typ-2-Diabetes für Sie ein Thema?

Ja. Stichwort „Neuropathie“, die ist einfach da. Meine Füße machen mir etwas Probleme. Sie kribbeln und sind kalt. Aber eigentlich ist das schon noch in Ordnung. Ich mache tägliche Wechselbäder mit meinen Beinen. Zum Podologen gehe ich monatlich. Er untersucht und behandelt meine Füße.

Wie oft gehen Sie zu Vorsorgeuntersuchungen?

Ich gehe vierteljährlich zu meinem Diabetologen, halbjährlich zum Zahnarzt. Alle 1 bis 2 Jahre gehe ich zum Urologen und alle 2 bis 3 Jahre lasse ich meine Beine durchchecken. Es wird ein Doppler-Ultraschall gemacht. Die Blutzirkulation von den Füßen bis zu den Armen wird da gemessen.

Außerdem lasse ich jährlich meine Augen untersuchen und meine Nieren- und Blutfettwerte bestimmen.

Die jährliche sportmedizinische Untersuchung mache ich bei Prof. Halle. Er hat in der Selbsthilfegruppe einen Vortrag gehalten. Danach habe ich ihn angesprochen und seitdem gehe ich 1-mal im Jahr zu ihm zur Untersuchung. Hier wird mein ganzer Körper durchgecheckt. Ein Blutbild, EKG und auch ein Ultraschall von Herz und Nieren werden gemacht. Darüber hinaus werden ein Belastungs-EKG und eine Laktatmessung durchgeführt.

Gut zu wissen:

Mit dem Diagnoseverfahren des Doppler-Ultraschalls wird die Geschwindigkeit des Blutflusses festgestellt. So können die Blutgefäße auf Engstellen untersucht werden.

Ich nehme auch an einer Studie teil, in der die Hals-, Becken- und Beinarterien untersucht wurden. Das ist mir wichtig. Ich kenne so viele Leute, die einen Schlaganfall hatten mit anschließenden körperlichen und geistigen Einschränkungen. Einen Schlaganfall zu haben, das ist eine Katastrophe. Bis man sich da wieder hochkämpft. Das ist etwas, das ich unbedingt vermeiden möchte. Die Studie, mit insgesamt 4-jähriger Beobachtungszeit, wird demnächst mit einer Abschlussuntersuchung beendet. So kann festgestellt werden, was sich über die Jahre verändert hat.

Wie gehen Ihre Frau und ihre Angehörigen mit der Erkrankung um?

Meine Frau half mir von Anfang an bei der Ernährungsumstellung. Auch meine Tochter unterstützte mich immer. Meine ganze Familie passt auf mich auf. Wenn ich in eine Unterzuckerung abrutsche, bleibe ich sehr ruhig. Ich trinke dann Apfelsaft oder esse Traubenzucker. So geht mein Blutzucker wieder hoch.

Die Blutzuckerwerte sind mal wieder zu hoch, die Waage zeigt zu viel Gewicht an. Wie gehen Sie mit Rückschlägen um?

Das Wichtigste ist: Ruhe bewahren. Dann rufe ich mir wieder das ins Gedächtnis, was ich gelernt habe und setze es um.

Stichwort Motivation – hilft Ihnen dabei auch die Dokumentation?

Mein Diabetologe und Hausarzt sind sehr zufrieden mit mir – mit dem, was ich mir erarbeitet habe. Durch meine Dokumentation lerne ich viel. Ich kann den Krankheitsverlauf verfolgen und mich danach richten. Wer dokumentiert, und das ist in einer Studie bewiesen, der hat bessere Blutzuckerwerte.

Das ist natürlich auch eine große Hilfe für meinen Diabetologen und Hausarzt. So hat er gleich eine gute Übersicht.

Müssen Sie durch die Erkrankung auf etwas in Ihrem Leben verzichten?

Abgesehen von geringen Einschränkungen in der Ernährung, musste ich auf nichts verzichten. Ich achte insbesondere darauf, nicht zu viele fettreiche Sachen zu essen. Süßigkeiten sind nicht so meins, aber ein Stück Kuchen gehört schon hin und wieder dazu.

Sehen Sie die Erkrankung auch als Chance?

Ja, weil ich mich noch mehr bewege und Bewegung seitdem eine ganz neue Bedeutung für mich hat.

Was würden Sie anderen Menschen mit Typ-2-Diabetes mit auf den Weg geben?

Man muss sich darüber bewusstwerden, von nun an ein Leben mit Diabetes zu führen und sich ein Stück weit anpassen. Dazu gehören Schulung, Bewegung und Ernährung. Diese 3 Säulen sind das A und O, um seinen Diabetes in den Griff zu kriegen. Stress abbauen und auf seelisches Wohlbefinden achten, das ist auch wichtig. Und regelmäßig zu den Vorsorgeuntersuchungen gehen. Jammern bringt nichts. Einfach das Beste draus machen.

Was wünschen Sie sich für Ihre Zukunft mit Diabetes?

Ich möchte – angepasst an die Erkrankung – weiterhin ein normales Leben führen. Ich muss nicht um jeden Preis möglichst alt werden. Gesund alt werden, ja. Ich wünsche mir, körperlich und geistig fit zu bleiben.

Danksagung:

diabinfo.de hat sich mit Johann G. unterhalten und der Gesprächspartner hat der Veröffentlichung zugestimmt. Hiermit bedankt sich diabinfo.de herzlich für die Zusammenarbeit.

Der Bericht schildert Ausschnitte aus dem persönlichen Umgang und dem Leben mit Typ-2-Diabetes. Es handelt sich nicht um Empfehlungen von diabinfo.de.