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Neue Erkenntnisse aus der Typ-1-Diabetes Interventionsstudie Pre-POINTearly

Wissenschaftliche Unterstützung: Dr. Robin Assfalg

In der Pre-POINTearly Interventionsstudie wurde Säuglingen und Kleinkindern mit einem erhöhten Risiko an Typ-1-Diabetes zu erkranken, täglich für 12 Monate Insulinpulver oder ein Placebo mit der Nahrung verabreicht. Ziel war es, die Auswirkungen von oralem Insulin auf das Immunsystem zu beurteilen. Die Studie zeigt, dass die orale Insulin-Immuntherapie sicher ist. Es wurde kein Unterschied in der Häufigkeit von Immunreaktionen gegen Insulin zwischen beiden Untersuchungsgruppen beobachtet. Explorative Analysen legen nahe, dass Antikörperreaktionen auf orales Insulin bei Kindern mit einem für Typ-1-Diabetes empfänglichen Insulin-Genotyp auftreten und entzündliche Episoden die Aktivierung von insulinreaktiven T-Zellen fördern können.

 

Mit Insulinpulver soll das Immunsystem trainiert werden

Typ-1-Diabetes ist eine Autoimmunkrankheit. Das bedeutet, dass das körpereigene Immunsystem sich gegen die insulinproduzierenden Zellen (Betazellen) der Bauchspeicheldrüse richtet und diese zerstört.

Insulin ist ein Hauptziel der Autoimmunreaktion beim kindlichen Typ-1-Diabetes. Mit Insulinpulver, das über die Schleimhäute des Mundes und des Verdauungstrakts aufgenommen wird, soll eine immunologische Toleranz gegenüber dem körpereigenen Insulin vermittelt und dadurch die krankmachende Immunreaktion verhindert werden. Anders als das Insulin das gespritzt wird, hat oral verabreichtes Insulinpulver keinen Einfluss auf den Blutzuckerspiegel. Bei Kindern mit einem Diabetes-Risiko im Alter zwischen 2 und 7 Jahren konnte in der vorherigen Pre-POINT Studie bereits gezeigt werden, dass die Einnahme des Insulinpulvers sicher ist und zu einer regulierten Immunreaktion gegen Insulin führt.

In der Pre-POINTearly Studie wurde orales Insulin als Immuntherapie vor dem Beginn der Autoimmunität bei Kindern ab 6 Monaten verabreicht. Ziel war es, seine Sicherheit und die Auswirkungen auf die Immunität und das Darmmikrobiom zu beurteilen. Teilgenommen haben 44 Kinder im Alter von 6 Monaten bis 2 Jahren mit einem erhöhten genetischen Risiko für Typ-1-Diabetes. Die Kinder wurden in 2 gleichgroße Gruppen eingeteilt; die eine Hälfte erhielt Insulinpulver, die andere ein Placebo (Nachbildung des Pulvers ohne Wirkstoff), das jeweils täglich zusammen mit einer kleinen Mahlzeit über einen Zeitraum von 12 Monaten eingenommen wurde. Der erste (primäre) Endpunkt der Studie war die immunologische Wirksamkeit des Insulinpulvers, welche durch die Induktion einer Antikörper- oder T-Zell-Reaktion auf Insulin definiert wurde.

 

Orales Insulin bei jungen Kindern ist sicher

Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass die orale Gabe von Insulinpulver bei Kindern unter 2 Jahren sicher ist. Die orale Insulintherapie wurde gut vertragen und es gab keine Hinweise auf behandlungsbedingte Nebenwirkungen.

 

Neue Erkenntnisse der Insulintherapie

Immunreaktionen gegen Insulin wurden bei Kindern aus beiden Behandlungsgruppen beobachtet. Es bestand kein Unterschied in der Häufigkeit dieser Immunreaktionen zwischen Kindern, die orales Insulin oder Placebo erhielten. Das primäre Ziel der Studie wurde somit nicht erreicht.

Allerdings wurden interessante neue Erkenntnisse gewonnen. Bei allen eingeschlossenen Kindern wurde der Insulin-Genotyp bestimmt. Eine spezielle Ausprägung dieses Gens geht mit einem erhöhten Risiko für Typ-1-Diabetes einher. Die Ergebnisse dieser Teilanalyse zeigten, dass Kinder mit einem für Typ-1-Diabetes empfänglichen Insulin-Genotyp häufiger mit einer gewünschten Immunantwort auf die Behandlung mit oralem Insulin reagierten als Kinder in der Placebo-Gruppe.

Die Immunantwort wird zusätzlich von entzündlichen Episoden im Körper beeinflusst. Es konnten vermehrt insulinreaktive T-Zellen bei Kindern nachgewiesen werden, wenn die Proben dieser Kinder durch Infektionskrankheiten verursachte Entzündungsprozesse aufwiesen. Sowohl der Insulin-Genotyp, als auch entzündliche Episoden im Körper haben Einfluss auf die Darmflora. Eine größere Bakterien-Vielfalt (Diversität) wiesen Kinder mit einem für Typ-1-Diabetes empfänglichen Insulin-Genotyp auf, die eine positive Immunantwort auf Insulin zeigten.

Zu den Schwächen der Studie gehört die kurze Nachbeobachtungszeit, die eventuell das Erfassen eines positiven Langzeiteffektes verhindert hat. Durch die gewonnenen Erkenntnisse gibt es aber neue Ansatzpunkte, um weiterführende Interventionsstudien zu planen. So könnte zum Beispiel das Einbeziehen der genetischen Ausprägung des Insulin-Gens dabei helfen Kinder zu identifizieren, die besser auf die Behandlung mit oralem Insulin reagieren.

 

Weitere Typ-1-Diabetes Studien

Informationen zu weiteren spannenden klinischen Studien finden Sie in unserem Beitrag „Klinische Studien: Diabetesforschung braucht Sie!“.

 

Quellen:

Assfalg, R. et al.: Oral insulin immunotherapy in children at risk for type 1 diabetes in a randomised controlled trial. In: Diabetologia, 2021, 64: 1079-1092