Gestationsdiabetes

Wissenschaftliche Unterstützung: PD Dr. Sandra Hummel

Wie kann man die Ge­fah­ren für Mut­ter und Kind bei ei­nem Ge­sta­ti­ons­dia­be­tes mi­ni­mie­ren? War­um ist die Nach­sor­ge ei­nes Ge­sta­ti­ons­dia­be­tes so wich­tig? Hier finden Sie eine Auswahl an häufig gestellten Fragen zum Gestationsdiabetes, mit denen Ihnen Patientinnen und Patienten in der Praxis möglicherweise begegnen. 

Ab welcher Schwangerschaftswoche produziert der Embryo selbstständig Insulin?

Insulin lässt sich ab der 10. Schwangerschaftswoche (SSW) in der Bauchspeicheldrüse des Embryos nachweisen, ab der 12. SSW dann im Blutplasma.

Wie finde ich bei Gestationsdiabetes eine Perinatalklinik?

Werdenden Müttern mit Schwangerschaftsdiabetes wird empfohlen, ihr Kind in einem Perinatalzentrum (Level 1 oder 2) zu entbinden. Die Entbindung aller Schwangeren mit Typ-1- oder Typ-2-Diabetes (und Insulintherapie) muss in einem Perinatalzentrum mindestens Level 2 geplant werden. Diese Kliniken sind auf Risikoschwangerschaften und Frühgeburten spezialisiert und haben eine Kinderklinik mit Neugeborenen-Intensivstation. Eine bundesweite Übersicht der Perinatalkliniken mit Suchfunktion ist im Informationsportal der Perinatalzentren zu finden.

Welche Messmethoden und Grenzwerte gibt es, mit Hilfe derer entschieden wird, ob eine Insulinbehandlung bei Gestationsdiabetes notwendig ist?

Für 1 bis 2 Wochen nach Diagnosestellung sollten die Frauen 4 Messungen durchführen (4-Punkte-Profil): morgens nüchtern und jeweils 1 oder 2 Stunden nach Beginn der 3 Hauptmahlzeiten. In der aktuellen Leitlinie "Gestationsdiabetes mellitus (GDM), Diagnostik, Therapie und Nachsorge" heißt es dazu:

Sind alle Werte innerhalb der ersten 2 Wochen im Zielbereich, wird anschließend auf eine einzige tägliche Messung im Rotationsverfahren (nüchtern, nächster Tag nach dem Frühstück, nächster Tag nach dem Mittagessen, nächster Tag nach dem Abendessen usw.) oder ein 4-Punkte-Profil 2-mal pro Woche reduziert. Je nach Verlauf der Blutglukosewerte wird die Anzahl der Messungen pro Tag angepasst.

Gut zu wissen:

Werden die genannten Zielwerte trotz Ernährungsumstellung in mehr als der Hälfte der Messungen überschritten, ist eine Insulintherapie notwendig.

Es sollten folgende Blutglukosewerte erreicht werden:

Messzeitpunkt

Zielwert

Nüchtern nach dem Aufstehen

<95 mg/dl oder <5,3 mmol/l

1 Stunde nach Beginn einer Hauptmahlzeit

<140 mg/dl oder <7,8 mmol/l

2 Stunden nach Beginn einer Hauptmahlzeit

<120 mg/dl oder <6,7 mmol/l

Wie kann man die Gefahren für Mutter und Kind bei einem Gestationsdiabetes minimieren?

Schwangerschaftsdiabetes kann für die werdende Mutter und das ungeborene Kind ein Gesundheitsrisiko darstellen. Deshalb ist es umso wichtiger, dass jede Schwangere am gesetzlichen Screening in der Schwangerschaftsvorsorge teilnimmt. Wichtig ist auch, dass nach der Diagnose so früh wie möglich mit der Behandlung begonnen wird. Es sollte eine Fachärztin oder ein Facharzt mit diabetologischem Schwerpunkt hinzugezogen werden. Zusätzlich sollten betroffene Frauen auch eine Ernährungsberatung erhalten.

Die 1. Behandlungsmaßnahme besteht in einer Änderung des Lebensstils. Das bedeutet eine ausgewogene und ballaststoffreiche Ernährung und der weitgehende Verzicht auf Süßigkeiten und Limonaden, um den Blutglukosespiegel niedrig zu halten. Außerdem gehören reichliche, möglichst tägliche Bewegung und eine regelmäßige Blutglukosekontrolle dazu. Eine Insulintherapie ist erst dann in Betracht zu ziehen, wenn diese Maßnahmen nicht ausreichen, um den Blutglukosespiegel zu senken. Hierbei gilt ebenfalls, dass nicht zu lange mit der Therapieanpassung gewartet werden darf, damit das ungeborene Kind möglichst kurz einem erhöhten Glukosespiegel ausgesetzt ist und um die Entwicklung von Folgeschäden bei der Mutter zu verhindern. 

Gut zu wissen:

Orale Antidiabetika sind für eine Behandlung während der Schwangerschaft nicht zugelassen.

Warum ist die Nachsorge eines Gestationsdiabetes so wichtig?

Bei der Mehrzahl der Frauen normalisiert sich der Blutglukosespiegel nach der Schwangerschaft wieder. Dennoch haben Frauen mit Schwangerschaftsdiabetes ein erhöhtes Risiko einen Typ-2-Diabetes nach der Schwangerschaft zu entwickeln. Alle Frauen, die nach der Geburt normale Blutglukosespiegel haben, sollten 6 bis 12 Wochen nach der Geburt einen 75-g Glukosetoleranztest durchführen lassen. Bei jährlichen Diabetes-Kontrolluntersuchungen bestimmt die Ärztin oder der Arzt in der Regel die Nüchternblutglukosewerte und den Blutglukose-Langzeitwert (HbA1c-Wert). Eine Wiederholung des 75-g Glukosetoleranztest, zum Beispiel alle 2 Jahre, kann ebenfalls sinnvoll sein.

Quellen:

Deutsche Diabetes Gesellschaft et al.: S3-Leitlinie Gestationsdiabetes mellitus (GDM), Diagnostik, Therapie und Nachsorge. 2. Auflage. 2018
Deutsche Diabetes Gesellschaft: Gefahr für werdende Mutter und Kind minimieren: Schwangerschaftsdiabetes – erst Lebensstiländerung, dann Insulin. Pressemitteilung vom 2. März 2017 (Letzter Abruf: 21.10.2020)
Grasso, S. et al.: Human Fetal Insulin Secretion in Response to Maternal Glucose and Leucine Administration. In: Nature Communications, Pediatric Research, 1980,  14: 782-783
Kleinwechter, H. et al.: Diabetes und Schwangerschaft. Diabetologie, 2019, 14: S188-S195
Kleinwechter, H. et al.: Gestationsdiabetes mellitus (GDM) – Diagnostik, Therapie und Nachsorge. In: Diabetologie, 2016, 11: 182-194

Stand: 21.10.2020