Mögliche Barrieren in der Beratung

Wissenschaftliche Unterstützung: Manfred Krüger

Apothekerinnen und Apotheker sowie PTAs stellen neben Ärztinnen und Ärzten sowie Diabetesberaterinnen und -beratern eine dritte wichtige Berufsgruppe für Menschen mit Diabetes in Bezug auf ihre Erkrankung und Therapie dar. Der Ablauf einer persönlichen Beratung sowie die Kommunikation zwischen der betroffenen Person und den Behandelnden kann sich maßgeblich auf die Therapieadhärenz, die individuelle Risikoeinschätzung sowie auf das Wissen über die eigene Erkrankung der Patientinnen und Patienten auswirken. Vor diesem Hintergrund ist es umso wichtiger, die Patientinnen und Patienten zu informieren, bei Therapieentscheidungen mit einzubeziehen und mögliche Barrieren, die während der Beratung auftreten können, zu identifizieren und möglichst zu vermeiden.

Die Nationale Versorgungsleitlinie „Typ-2-Diabetes“ (2021) widmet diesem Thema ein eigenes Kapitel und zeigt dort Beispiele für mögliche Barrieren von Seiten der betroffenen Personen sowie auch von Seiten der Behandelnden auf, die sich auf die Umsetzung beziehungsweise das Erreichen der vereinbarten Therapieziele auswirken können. Zudem wird in der Leitlinie der hohe Stellenwert einer partizipativen Entscheidungsfindung hervorgehoben.

Informationsvermittlung und mögliche Kommunikationsbarrieren

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) definiert den Begriff „Therapieadhärenz“ als eine ausschließlich deskriptive und ohne Wertung erfolgende Darstellung, ob ein im Rahmen der partizipativen Entscheidungsfindung vereinbarter Therapieplan von der Patientin oder dem Patienten eingehalten wird. Durch eine unzureichende oder fehlende Therapieadhärenz erhöht sich das Risiko für diabetesbedingte Begleit- und Folgeerkrankungen der Patientinnen und Patienten. Auch nehmen Morbidität und Mortalität zu.

Dies verdeutlicht die Relevanz einer umfassenden und verständlichen, fachkundigen Beratung der Patientinnen und Patienten durch die behandelnde Ärztin oder den behandelnden Arzt sowie alle weiteren beteiligten Berufsgruppen. Besonders Apothekerinnen und Apotheker sowie PTAs stehen oft in einem engen Kontakt zu den Patientinnen und Patienten und haben die Möglichkeit ihnen die Wichtigkeit einer adäquaten Medikamenteneinnahme und der Umsetzung weiterer gesundheitsförderlicher Verhaltensempfehlungen zu vermitteln.

Eine Vielzahl von Faktoren kann die Handlungen und Verhaltensweisen von Menschen mit Diabetes in Bezug auf ihre Erkrankung und Behandlung beeinflussen. Dazu zählen zum Beispiel

  • personenbezogene Faktoren,
  • sozioökonomische Faktoren,
  • therapie- und/oder krankheitsbezogene Faktoren,
  • Faktoren, die das Gesundheitssystem betreffen sowie auch
  • arztbezogene und mit der medizinischen Betreuung in Verbindung stehende Faktoren.

Besonders der sozioökonomische Status der Patientinnen und Patienten steht in einem engen Zusammenhang mit dem Gesundheits- beziehungsweise Krankheitsverhalten, der Lebensqualität sowie auch der Morbidität und Mortalität. Dies gilt es bei der Informationsvermittlung und persönlichen Beratung in Bezug auf die ärztlich festgelegten Therapieempfehlungen zu berücksichtigen und möglichst individuell auf das Anliegen jeder Patientin beziehungsweise jedes Patienten einzugehen.

Die Nationale Versorgungsleitlinie „Typ-2-Diabetes“ (2021) sieht

  • eine an die Bedürfnisse und Kompetenzen der Patientin beziehungsweise des Patienten (kognitive Fähigkeiten, Sprachkenntnisse und vorhandenes Wissen) angepasste Gesprächsführung,
  • die Bereitstellung entsprechender Hilfestellungen und verständlicher Informationen sowie
  • die Sicherstellung, ob die Informationen verstanden und von den Patientinnen und Patienten genutzt werden können

als zentralen Baustein für eine erfolgreiche und zielführende Kommunikation und gemeinsame Entscheidungsfindung an.

Zusätzlich ist jedoch zu beachten, dass die Ursachen für eine Nicht-Einhaltung der Therapieadhärenz nicht nur bei den Patientinnen und Patienten, sondern auch auf Seiten der Behandelnden liegen können. Die Nationale Versorgungsleitlinie „Typ-2-Diabetes“ (2021) stellt den Behandelnden Handlungsanleitungen für den Umgang mit Non-Adhärenz auf Seiten der betroffenen Personen als auch auf Seiten der Behandelnden zur Verfügung.

Beispiele für Barrieren und Lösungsansätze in der Kommunikation

Durch das Hinterfragen und Analysieren der eigenen Handlungen sowie durch die Reflexion der Gesprächsgestaltung können mögliche Barrieren in der Kommunikation identifiziert werden. Zudem bietet die Reflexion eine Möglichkeit, ein Bewusstsein für die Beratungssituation zu schaffen und Lösungsansätze zu entwickeln. Dies kann die Adhärenz auf Seiten der Patientinnen und Patienten sowie auch der Behandelnden steigern.

Die nachfolgenden Fragen können als Unterstützung dienen, mögliche Barrieren zu erkennen (modifiziert nach der Nationalen Versorgungsleitlinie „Typ-2-Diabetes“ (2021)):

  • Wie war meine Haltung während des Gesprächs gegenüber der Patientin beziehungsweise dem Patienten? Konnte ich der Patientin oder dem Patienten vermitteln, dass ich ihr/sein Anliegen ernst nehme und wertschätze?
  • Habe ich eine passende Gesprächssituation geschaffen und mich an den Bedürfnissen der Patientin oder des Patienten orientiert?
  • Konnte ich die Informationen der Patientin oder dem Patienten verständlich vermitteln?
  • Habe ich die Patientin oder den Patienten in einer angemessenen Weise in das Gespräch mit eingebunden und mich nach ihrem/seinem Anliegen sowie der Erwartungshaltung an das Gespräch erkundigt?
  • Bin ich auf die Erwartungshaltung der Patientin oder des Patienten eingegangen und habe ich versucht ihre/seine Erwartungen zu erfüllen?
  • Habe ich die Patientin beziehungsweise den Patienten aktiv in das Gespräch mit einbezogen und ihr/ihm die Möglichkeit geboten auch selbst Fragen zu stellen?
  • Habe ich die Patientin oder den Patienten ausführlich über die Behandlungsoptionen beziehungsweise die Arzneimittelinformationen aufgeklärt?
  • Habe ich die Patientin oder den Patienten auf mögliche aufgetretene Schwierigkeiten in Bezug auf die Behandlung und Arzneimitteleinnahme angesprochen? Bin ich darauf eingegangen, ob, und falls ja, welche Art von Hilfe sie/er benötigt und ob ich sie/ihn dabei unterstützen kann?
  • Habe ich mir ausreichend Zeit für die Beratung genommen?

Zusätzlich kann es hilfreich sein, sich bei der Patientin oder dem Patienten selbst eine Rückmeldung einzuholen, wie das Gespräch empfunden wurde. Auch bietet sich der Einsatz von Fragebögen zur Zufriedenheit der Patientinnen und Patienten an, um mögliche Barrieren aufzudecken und zu erfassen.

Neben der regelmäßigen Reflexion der eigenen Kommunikationsgestaltung können auch Fortbildungen genutzt werden, um die persönlichen kommunikativen Kompetenzen zu prüfen oder zu erweitern. Treten Sprachbarrieren oder sonstige Erfordernisse auf, die zusätzliche Expertise bedürfen, sollte die Zuhilfenahme von Unterstützungsangeboten (zum Beispiel einer Dolmetscherin beziehungsweise eines Dolmetschers) genutzt werden.

Gut zu wissen:

Der interprofessionelle Austausch zwischen den beteiligten Berufsgruppen (zum Beispiel Apothekerin/Apotheker und Ärztin/Arzt sowie auch Diabetesberaterin/-berater) kann ebenfalls dazu beitragen, mögliche Barrieren zu identifizieren und die Therapieadhärenz der Patientinnen und Patienten zu steigern.

Partizipative Entscheidungsfindung

Bei der partizipativen Entscheidungsfindung (engl.: shared decision making) handelt es sich um einen gemeinsamen medizinischen Entscheidungsprozess von Patientin beziehungsweise Patient und der behandelnden Ärztin oder dem behandelnden Arzt. Dabei werden die individuellen Therapieoptionen umfassend und unter Offenlegung der Vor- und Nachteile unter gleichberechtigter und aktiver Beteiligung beider Seiten besprochen. Ziel ist es – unter Berücksichtigung der persönlichen Situation, möglicher individueller Einflussfaktoren und Bedenken der Patientin oder des Patienten – gemeinsam individuelle und realistische Behandlungsziele festzulegen. Durch die gemeinsame Entscheidungsfindung liegt auch die Verantwortung für die Umsetzung der festgelegten Therapieziele gleichermaßen bei der Patientin beziehungsweise dem Patienten und den Behandelnden.

Die partizipative Entscheidungsfindung stellt einen kontinuierlichen Prozess dar, der mehrere Handlungsschritte umfasst. Zudem können auch weitere betreuende Berufsgruppen, zum Beispiel Apothekerinnen und Apotheker sowie PTAs oder Diabetesberaterinnen und -berater, in den Prozess mit einbezogen werden. Falls von Patientenseite gewünscht, ist es ebenfalls möglich Angehörige oder Zugehörige mit einzubeziehen.

Eine detaillierte Darstellung der einzelnen Handlungsschritte der partizipativen Entscheidungsfindung finden Sie in der Nationalen Versorgungsleitlinie „Typ-2-Diabetes“ (2021).

Eine partizipative Entscheidungsfindung setzt auf beiden Seiten – sowohl bei der Patientin oder dem Patienten als auch bei den Behandelnden – eine gewisse Bereitschaft sowie entsprechende Rahmenbedingungen voraus. Die aktuelle Studienlage deutet darauf hin, dass eine partizipative Entscheidungsfindung einen positiven Einfluss auf die Qualität der Entscheidung zu dem Behandlungsziel sowie das Wissen und das Risikoverständnis von Menschen mit Typ-2-Diabetes haben kann. Besonders der Einsatz von Entscheidungshilfen scheint sich günstig auf diese Aspekte auszuwirken. Auch Schulungsprogramme stellen eine wichtige Basis in Bezug auf die Wissensvermittlung und eine wohlüberlegte gesundheitsbezogene Entscheidungsfindung dar.

Die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) bietet auf ihrem Internetauftritt eine Übersicht über alle zertifizierten Schulungsprogramme für Menschen mit Diabetes.

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Stand: 02.11.2021