Wie kann Diabetes Gehirn und Psyche beeinflussen?
Wissenschaftliche Unterstützung: Prof. Dr. Karsten Müssig
Diabetes beeinflusst zahlreiche Organe und Regionen des Körpers. Dazu zählen auch das Gehirn und die Psyche: Menschen mit Diabetes entwickeln etwa doppelt so häufig depressive Störungen wie Menschen ohne Diabetes. Verschiedene Mechanismen werden diskutiert, die gleichermaßen zur Entstehung beider Krankheitsbilder beitragen könnten, beispielsweise entzündliche Prozesse. Studien zeigen, dass sich Diabetes und Depressionen gegenseitig beeinflussen und verstärken können.
Psychische Störungen können das Diabetes-Management erschweren. Dies wirkt sich negativ auf den Blutzuckerspiegel und die langfristige Prognose der Erkrankung aus. Im Gegenzug kann ein unzureichend eingestellter Diabetes Angststörungen und Depressionen verstärken sowie auf lange Sicht die Gedächtnisleistung beeinträchtigen.

Inhaltsverzeichnis
1. Psychische Belastungen und Herausforderungen bei Diabetes
Eine Diabetes-Erkrankung stellt tagtäglich Anforderungen an die betroffenen Personen. Viele Menschen mit Diabetes leiden darunter, dass die Erkrankung ihren Alltag bestimmt. Hinzu kommt die Angst vor Folgeerkrankungen. Die immerwährenden Anforderungen können zu einer emotionalen Dauerbelastung werden und zu Dauerstress führen. Fachleute sprechen in diesem Zusammenhang von „Diabetes-Distress“.
Bei chronischem Stress produziert der Körper vermehrt das Hormon Kortisol. Kortisol erhöht den Blutzuckerspiegel, um dem Körper bei Bedarf schnell zusätzliche Energie zur Verfügung zu stellen. Gleichzeitig regt eine hohe Stressbelastung die Ausschüttung des Appetithormons Ghrelin an. Dieses Appetithormon fördert das Verlangen nach Süßem und kohlenhydratreichen Nahrungsmitteln – und erhöht so die Wahrscheinlichkeit für einen weiteren Blutzuckeranstieg durch vermehrte Nahrungsaufnahme.
Untersuchungen zeigen, dass bei Diabetes-Distress die Beachtung der eigenen Diabetes-Erkrankung oft abnimmt. Das kann sich auf den Behandlungserfolg auswirken: Wird der Diabetes vernachlässigt, verschlechtert sich die Stoffwechselkontrolle und das Risiko für diabetische Folgeerkrankungen steigt.
Die gute Nachricht: Es gibt mehrere erlernbare Methoden und Maßnahmen, um Diabetes-Distress abzubauen. Wichtig ist es, sich Hilfe zu suchen und diese auch anzunehmen. Strategien zur Stressbewältigung werden in der Psychologie „Coping-Strategien“ genannt.
Was kann ich tun, um Ängsten und Stress zu begegnen?
Wissen hilft: Wenn Sie sich im Umgang mit der Erkrankung sicher fühlen und Vertrauen in Ihre eigenen Fähigkeiten haben, mit schwierigen Situationen umzugehen, wirkt dies Ängsten entgegen. Nehmen Sie an Diabetes-Schulungen teil, tauschen Sie sich mit anderen Menschen mit Diabetes aus und lernen Sie von Expertinnen und Experten.
Finden Sie hier weitere Informationen zu Typ-1-Diabetes-Schulungsprogrammen.
Lesen Sie hier, welche Schulungsprogramme es bei Typ-2-Diabetes gibt.
Versuchen Sie zudem ausreichend Entspannungsmöglichkeiten in Ihren Alltag einzubauen. Dies können beispielsweise Achtsamkeitsübungen, Yoga, Methoden zur Progressiven Muskelentspannung oder Autogenes Training sein. Auch Sport und körperliche Bewegung helfen beim Stressabbau. Anregungen und Informationen zu Entspannungstechniken, die Ihnen helfen können mit Stress und Belastungen umzugehen, finden Sie hier.
Suchen Sie sich Hilfe: Auf der Webseite der Arbeitsgemeinschaft Diabetes und Psychologie der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) können Menschen mit Diabetes nach Fachkräften mit der Weiterbildung „Fachpsychologe Diabetes“ oder „Psychodiabetologe“ suchen.
Weitere Informationen zur psychischen Belastung und Motivation finden Sie auf diabinfo.de unter:
2. Psychische Erkrankungen: Diabetes und Depressionen
Bedenken, Sorgen und Ängste im Zusammenhang mit der Diabetes-Erkrankung können zu einer emotionalen Überforderung beitragen. Studien bestätigen, dass Menschen mit Diabetes häufiger von Ängsten berichten und rund doppelt so häufig Anzeichen für eine Depression haben als gleichaltrige stoffwechselgesunde Personen. Schätzungsweise fast 10 Prozent der Menschen mit Diabetes (10 von 100 Personen) sind von einer nachgewiesenen Depression betroffen und bei etwa 25 Prozent (25 von 100 Personen) liegt eine depressive Verstimmung vor. Frauen mit Diabetes erkranken insgesamt häufiger an einer Depression als Männer mit Diabetes.
Die Motivation, die eigene Diabetes-Behandlung konsequent umzusetzen, nimmt bei depressiven Verstimmungen oder einer Depression oft ab. Die Folge ist ein Anstieg des Blutzuckerspiegels. Hinzu kommt, dass sich auch die Stresshormone bei psychischem Stress ungünstig auf die Blutzuckerwerte auswirken. Langfristig erhöhte Blutzuckerwerte erhöhen das Risiko für diabetesbedingte Folgeerkrankungen an Gefäßen, Herz, Augen, Nieren und Nerven. Die konsequente Behandlung einer Depression kann die Stoffwechseleinstellung verbessern.
Depression oder depressive Verstimmung?
Nicht jeder niedergeschlagene Gemütszustand ist gleich eine Depression. Eine vorübergehende Niedergeschlagenheit gehört zu den normalen Tiefs des Lebens. Wenn die Niedergeschlagenheit jedoch über einen längeren Zeitraum anhält, das heißt über mehrere Wochen oder Monate, kann eine Depression vorliegen. Oftmals wird eine Depression von den betroffenen Personen unterschätzt und verschwiegen.
Fragebögen können Patientinnen und Patienten und ihre behandelnden Ärztinnen und Ärzte dabei unterstützen, eine bestehende Depression zu erkennen. Dies ist wichtig, denn wer von einer Depression betroffen ist, benötigt therapeutische Hilfe. Wenn eine Depression festgestellt wird, kann die Ärztin oder der Arzt die betroffene Person bei Bedarf an eine psychologische Fachkraft überweisen. Auch eine medikamentöse Behandlung ist möglich.
Gut zu wissen:
Von einer depressiven Verstimmung sprechen Fachleute, wenn die Anzeichen wie Niedergeschlagenheit, erhöhtes Schlafbedürfnis, ständige Müdigkeit und Antriebslosigkeit zeitlich begrenzt sind, beispielsweise kürzer als 14 Tage andauern. Die Ausprägung der Beschwerden ist bei einer depressiven Verstimmung zudem leichter als bei einer Depression. Auch geht sie im Vergleich zur Depression in der Regel ohne therapeutische Hilfe vorüber. Nichtsdestotrotz kann es für betroffene Personen nützlich sein, sich Unterstützung zur Bewältigung der Stimmungstiefs zu suchen.
Typische Anzeichen einer Depression sind zum Beispiel andauernde
- traurige Stimmung
- Antriebslosigkeit, innere Unruhe
- Denk- und Konzentrationsstörungen
- Schuld- und Minderwertigkeitsgefühle
- Interessensverlust, Lustlosigkeit
- Angstgefühle
- Schlafstörungen
- verminderter Appetit
- tiefe Verzweiflung, Selbstmordgedanken
Gut zu wissen:
Hilfestellungen bei Depressionen bietet die Stiftung Deutsche Depressionshilfe:
Hier finden Sie Telefonnummern für Hilfe im Notfall, hilfreiche Links und Informationen zu Selbsthilfegruppen und digitalen Tools zum Selbstmanagement.
Wie hängen Diabetes und Depression zusammen?
Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben herausgefunden, dass es möglicherweise gemeinsame biologische Ursachen für Depression und Typ-2-Diabetes gibt. Im Mittelpunkt stehen chronisch schwelende Entzündungsprozesse und die Fehlregulation der sogenannten Hypothalamus-Hypophysen-Nebennieren-Achse. Diese beschreibt einen Regelkreis, der eine zentrale Rolle bei der Stressregulation spielt. Er steuert die Ausschüttung des Hormons Kortisol im Tagesverlauf. Erhöhte Kortisolwerte verschlechtern nachweislich die Glukosetoleranz und führen zu einer Insulinresistenz, die zu einem Typ-2-Diabetes fortschreiten kann. Darüber hinaus geht eine Depression infolge des Interessenverlustes sowie der ständigen Müdigkeit und des Energiemangels häufig mit Bewegungsarmut und einer ungünstigen Ernährungsweise einher, die wichtige Risikofaktoren für einen Typ-2-Diabetes darstellen.
Auch Menschen mit Typ-1-Diabetes haben ein erhöhtes Risiko für eine Depression, allerdings sind die biologischen Hintergründe bisher weniger gut untersucht.
3. Wie Diabetes das Gehirn beeinflusst
Sind die Blutzuckerwerte über einen längeren Zeitraum erhöht, kann dies die größeren und kleineren Blutgefäße im Körper schädigen und damit Einfluss auf verschiedenste Organsysteme nehmen. Das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen steigt an, zum Beispiel kann es eher zu Bluthochdruck, einem Herzinfarkt oder Schlaganfall kommen als bei stoffwechselgesunden Personen.
Sind die Blutgefäße betroffen, die die Nerven mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgen, kommt es zu einer Nervenschädigung, die sich bis hin zu einer sogenannten Polyneuropathie ausweiten kann.
Gut zu wissen:
Eine Nervenschädigung durch Diabetes entsteht schleichend. Anfangs spüren betroffene Personen meist keine Beschwerden. Trotzdem sollte regelmäßig ärztlich untersucht werden, ob Anzeichen einer Polyneuropathie vorliegen.
Lesen Sie hier mehr zur diabetischen Neuropathie und Polyneuropathie.
Geschädigte Nervenzellen im Gehirn können zu Einschränkungen der Konzentrationsfähigkeit und der Gedächtnisleistung führen. Langfristig können sie eine Demenz zur Folge haben.
Diabetes und Demenz
Für eine zunehmende Vergesslichkeit und/oder Konzentrationsschwierigkeiten kommen viele Ursachen infrage. Nicht immer verbirgt sich eine ernste Erkrankung dahinter. Fast jede oder jeder kennt wohl die Situation, sich plötzlich an einen Namen nicht mehr erinnern zu können oder eine Verabredung einfach vergessen zu haben. Wenn sich die Vorfälle von Gedächtnisstörungen jedoch häufen, kann eine beginnende Demenz vorliegen. Die Merk- und Erinnerungsfähigkeit ist dann deutlich beeinträchtigt, was besonders beim Kurzzeitgedächtnis auffällt. Bei einer fortgeschrittenen Demenz-Erkrankung können Patientinnen und Patienten oft nicht mehr sagen, welches Jahr, welcher Monat oder welcher Tag gerade ist. Unter Umständen wird sogar der eigene Name oder das eigene Geburtsdatum vergessen. Häufig kommt es auch zu Wesensveränderungen, Verwirrtheitszuständen und Orientierungsproblemen. Dies kann so weit gehen, dass sich die betroffenen Personen in der eigenen Wohnumgebung nicht mehr zurechtfinden.
Demenz ist ein Sammelbegriff für rund 50 verschiedene Formen von geistiger Beeinträchtigung, deren Ursachen und Verläufe sich unterscheiden. Die häufigste Form ist die Alzheimer-Demenz. Weitere Krankheitsbilder sind beispielsweise
- die vaskuläre Demenz, die auf Durchblutungsstörungen im Gehirn beruht.
- die frontotemporale Demenz, bei der Nervenzellen im vorderen Gehirnbereich absterben.
- die Lewy-Körperchen-Demenz, die der Alzheimer-Demenz ähnelt. Allerdings unterscheidet sich die Art der Proteine, die sich im Gehirn ablagern.
Bei Verdacht auf eine geistige Einschränkung können im ersten Schritt in der hausärztlichen Praxis einfache kognitive Tests durchgeführt werden. Medizinisches Fachpersonal kann mithilfe dieser Tests Veränderungen des Denk- und Erinnerungsvermögens von altersbedingten Einschränkungen unterscheiden. Sie geben zudem erste Hinweise auf die Art der vorliegenden Demenz. Im weiteren Fortschreiten der Erkrankung werden die Tests auch zur Verlaufskontrolle eingesetzt.
Für weiterführende Untersuchungen gibt es an vielen Kliniken Gedächtnisambulanzen oder Gedächtnissprechstunden. Hat sich der Verdacht auf eine vorliegende Demenz erhärtet, werden meist verschiedene körperliche Untersuchungen durchgeführt, um die Ursache genauer einzugrenzen. Dabei spielen bildgebende Verfahren eine Rolle oder auch die Untersuchung des Nervenwassers. Dieses umgibt das Gehirn und Rückenmark.
Gut zu wissen:
Die Stiftung Alzheimer Forschung Initiative e.V. bietet eine Datenbank zur Suche von wohnortnahen Gedächtnisambulanzen an.
Menschen mit Diabetes haben häufiger Beeinträchtigungen der kognitiven Funktionen und sind stärker demenzgefährdet als stoffwechselgesunde Personen. Es ist bekannt, dass Personen mit Diabetes im Laufe ihres Lebens etwa doppelt so häufig an Demenz erkranken wie gleichaltrige Personen ohne Diabetes. Die gute Nachricht: Es gibt eine Reihe von Möglichkeiten, das Risiko für eine Demenz-Erkrankung zu senken – auch und insbesondere für Menschen mit Diabetes.
Fachleute gehen davon aus, dass mehrere Ursachen für das erhöhte Demenz-Risiko bei Diabetes verantwortlich sind. Dazu gehören neben schlecht eingestellten Blutzucker-, Blutdruck- und Blutfettwerten auch Rauchen, Bewegungsmangel sowie das Vorliegen von Übergewicht und/oder einer Depression.
Gut zu wissen:
Nach aktuellem Wissensstand ist mangelnde Bewegung einer der wichtigsten Treiber für eine spätere Demenz. Das gilt für Menschen mit und ohne Diabetes.
Informationen, wie Sie mehr Bewegung in Ihren Alltag einbauen können, finden Sie hier.
Neben erhöhten Blutzuckerwerten können auch schwere Unterzuckerungen die Entstehung von Demenz fördern. Studiendaten ergaben, dass 3 und mehr schwere Unterzuckerungen das Risiko für eine spätere Demenz verdoppeln.
Vaskuläre Demenz bei Typ-2-Diabetes am häufigsten
Von einer Demenz-Erkrankung sind vor allem Menschen mit Typ-2-Diabetes und Folgeschäden an den Gefäßen betroffen. Diese Patientinnen und Patienten können im Laufe ihres Lebens an einer sogenannten vaskulären Demenz erkranken. Eine vaskuläre Demenz entsteht aufgrund von Durchblutungsstörungen im Gehirn.
Studien bei Menschen mit Typ-2-Diabetes zeigen, dass das Risiko für eine vaskuläre Demenz stark davon abhängt, wie gut Blutzucker, Blutdruck und Blutfettwerte langfristig eingestellt sind.
Diabetes und Alzheimer-Demenz
Eine Unterform der Demenz ist Morbus Alzheimer. Im Gehirn von Menschen mit einer Alzheimer-Erkrankung finden sich typische Eiweißablagerungen (Beta-Amyloid-Plaques) und eine Fehlverteilung des sogenannten Tau-Proteins in den Nervenzellen. Beides wird mit der Schädigung von Hirnzellen in Verbindung gebracht.
Im Nervenwasser können die typischen Eiweißstoffe nachgewiesen werden. Die Alzheimer-Erkrankung lässt sich durch eine Untersuchung des Nervenwassers (Liquor-Untersuchung) zweifelsfrei nachweisen.
Gut zu wissen:
Forschende arbeiten an der Entwicklung von Bluttests zur Alzheimer-Diagnose. Diese sind kostengünstiger und würden den Patientinnen und Patienten aufwändige Untersuchungen wie die Nervenwasser-Untersuchung ersparen. Derzeit stehen sie jedoch in Deutschland in den ärztlichen Praxen noch nicht zur Verfügung.
Bei der Alzheimer-Krankheit gehen Nervenzellen und Nervenzellkontakte in einem langsam fortschreitenden Prozess zugrunde. Es sterben immer mehr Nervenzellen ab und es kommt zum Verlust der geistigen Fähigkeiten. Das Gedächtnis geht schließlich verloren. Auch das Wesen der betroffenen Personen kann sich verändern, da nicht nur das Denkvermögen, sondern zusätzlich emotionale und soziale Fähigkeiten immer weiter eingeschränkt werden.
Bereits seit langem ist bekannt, dass Menschen mit Diabetes ein fast doppelt so hohes Risiko für die Alzheimer-Krankheit haben wie stoffwechselgesunde Personen.
Insulinresistenz als Bindeglied zwischen Alzheimer-Demenz und Diabetes?
Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler konnten Zusammenhänge zwischen Diabetes und Morbus Alzheimer aufdecken. Der Zuckerstoffwechsel scheint bei Menschen mit Alzheimer bereits frühzeitig verändert zu sein. Unter anderem konnte gezeigt werden, dass die Nervenzellen von Menschen mit Alzheimer-Demenz insulinresistent sind. Insulinresistente Zellen können weniger Eiweißablagerungen (Beta-Amyloid) abbauen, was zu einer verstärkten Ablagerung von Beta-Amyloid-Plaques beitragen könnte.
Die Insulinresistenz, das heißt das verminderte Ansprechen der Körperzellen auf das Hormon Insulin, spielt auch bei Typ-2-Diabetes eine bedeutende Rolle. Dabei reagieren vor allem die Muskulatur, die Leber und das Fettgewebe weniger empfindlich auf das Hormon Insulin. Dadurch steigt der Blutzuckerspiegel und Fettstoffwechselstörungen werden begünstigt.
Eine weitere Gemeinsamkeit sind die chronisch schwelenden Entzündungsprozesse im Körper beziehungsweise im Gehirn, die sich sowohl bei Diabetes als auch bei Alzheimer-Demenz finden.
Die gute Nachricht: Eine gesunde Lebensweise mit einer ausgewogenen Ernährung und ausreichend Bewegung trägt dazu bei, beiden Krankheitsbildern gleichzeitig vorzubeugen. Lesen Sie hier, was Sie tun können, um Ihr Risiko für Typ-2-Diabetes und weitere nicht-übertragbare Erkrankungen zu senken.
Gut zu wissen:
Bei der Deutschen Alzheimer-Gesellschaft finden Sie Hilfestellungen im Umgang mit erkrankten Angehörigen, Unterstützungsangebote und Wissen aus der Forschung rund um die Demenz-Erkrankungen, einschließlich der Alzheimer-Erkrankung.
4. Essstörungen bei Diabetes
Diabetes ist mit einem erhöhten Risiko für Essstörungen verbunden. Beim Typ-2-Diabetes spielt vor allem die sogenannte Binge-Eating-Störung (binge = Englisch für Gelage, Fressorgie) eine Rolle. Diese stellt eine ernstzunehmende psychische Erkrankung dar, die behandelt werden muss.
Patientinnen und Patienten mit Typ-1-Diabetes nutzen in manchen Fällen das Auslassen von Insulin, um Gewicht zu verlieren. Werden Insulindosen absichtlich weggelassen, wird dies Insulin-Purging genannt. Der dadurch ansteigende Blutzuckerspiegel kann langfristig zu schwerwiegenden gesundheitlichen Risiken und Folgeerkrankungen führen. Auch besteht die Gefahr einer diabetischen Ketoazidose, einer lebensbedrohlichen Diabetes-Komplikation.
Eine weitere Essstörung ist die Bulimie (Ess-Brech-Sucht, Bulimia nervosa). Dabei wechseln sich Heißhungerattacken mit Erbrechen oder der Einnahme abführender Medikamente ab. Im Zusammenhang mit Diabetes tritt sie ebenfalls vor allem bei jugendlichen Mädchen beziehungsweise jungen Frauen mit Typ-1-Diabetes auf.
Risikofaktoren für die Entwicklung von Essstörungen bei Menschen mit Diabetes sind
- jüngeres Alter,
- weibliches Geschlecht,
- höheres Körpergewicht,
- Unzufriedenheit mit dem Körperbild und/oder
- Depression.
Viele betroffene Personen neigen dazu, ihre Essstörung zu leugnen oder zu verharmlosen.
Es ist wichtig, Essstörungen als eine Krankheit anzuerkennen. Die Folge von Essstörungen bei Menschen mit Diabetes ist kurzfristig ein erhöhtes Risiko für diabetologische Notfälle, wie etwa eine diabetische Ketoazidose, und längerfristig eine schlechte Blutzuckerkontrolle und damit einhergehend ein höheres Risiko für Komplikationen wie Nieren-, Augen- oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Daher ist es wichtig, möglichst frühzeitig professionelle Hilfe bei einer Essstörung in Anspruch zu nehmen.
Binge-Eating-Störung: Kontrollverlust über das Essverhalten
Typisch für eine Binge-Eating-Störung („exzessives Essen“) sind immer wiederkehrende Essanfälle. Meist sind Menschen mit Typ-2-Diabetes betroffen, die über ihr Essverhalten die Kontrolle verloren haben und innerhalb kurzer Zeit große Nahrungsmengen zu sich nehmen. Dies passiert meist heimlich und unabhängig von jeglichem Hungergefühl. Anders als bei der Bulimie versuchen Menschen mit Binge-Eating-Störung nicht, die aufgenommene Nahrung durch Erbrechen wieder von sich zu geben, um einer Gewichtssteigerung entgegenzuwirken.
Um ein ähnliches Krankheitsbild handelt es sich beim sogenannten Night-Eating-Syndrom: Dabei wird nächtlicher Heißhunger mit Essanfällen kompensiert.
Die Binge-Eating-Störung tritt in der Gesamtbevölkerung häufiger auf als Magersucht oder Bulimie. Durchschnittlich erkranken etwa 28 von 1.000 Mädchen und Frauen im Laufe ihres Lebens an einer Binge-Eating-Störung. Männliche Jugendliche oder Männer sind deutlich seltener betroffen – durchschnittlich etwa 10 von 1.000 Personen.
Studien zeigen, dass die Essstörung bei Menschen mit Diabetes – sowohl mit Typ-1- als auch mit Typ-2-Diabetes – deutlich häufiger auftritt als bei Menschen ohne Diabetes. Rund 230 von 1.000 Personen mit Diabetes haben eine Binge-Eating-Störung.
Menschen mit einer Binge-Eating-Störung entwickeln häufiger Übergewicht oder starkes Übergewicht (Adipositas). Dies geht wiederum mit verschlechterten Blutzuckerwerten und einem erhöhten Risiko für Typ-2-Diabetes einher.
Gut zu wissen:
Informationen und Hilfestellungen bei Essstörungen bietet das Internetportal „Essstörungen“ des Bundesinstituts für Öffentliche Gesundheit (BIÖG).
Beim Bundesfachverband Essstörungen (BFE) e.V. sind Einrichtungen aufgelistet, an die sich betroffene Personen wenden können. Es gibt eine Suchfunktion nach freien Therapieplätzen:
Hilfe bei Essstörungen – Bundesfachverband Essstörungen e.V.
Insulin-Purging: Weglassen von Insulin
Insulin-Purging, auch Diabulimie genannt, wird überwiegend bei Mädchen und jungen Frauen mit Typ-1-Diabetes beobachtet. Da Insulin die Gewichtszunahme begünstigt, werden die notwendigen Insulingaben gezielt ausgelassen. Das Absetzen von Insulin, um eine Gewichtsabnahme zu erreichen, ist jedoch gefährlich: Da die Diabetes-Erkrankung quasi unbehandelt bleibt, drohen ernste und potentiell lebensbedrohliche Komplikationen, wie etwa eine diabetische Ketoazidose, die mit einer starken Übersäuerung des Körpers einhergeht.
Langfristig drohen diabetesbedingte Schäden an Gefäßen und Nerven deutlich früher als bei Menschen mit Diabetes ohne Essstörung.
Lesen Sie hier mehr zu den möglichen Folgeerkrankungen eines Diabetes.
Gut zu wissen:
Wenn Sie von einer Essstörung betroffen sind, suchen Sie sich Hilfe. Wenden Sie sich an Ihr behandelndes Diabetes-Team, das Ihnen Hilfestellungen geben kann, mit psychischen Krisen umzugehen. So können langfristige gesundheitliche Risiken vermieden werden.
Quellen:
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Stand: 04.08.2025










