Diabetes und Ramadan

Wissenschaftliche Unterstützung: Dr. Theresia Sarabhai

Ramadan ist der 9. Monat des islamischen Mondkalenders und der Fastenmonat der Muslime. Er dauert 29 oder 30 Tage und fällt jedes Jahr in einen anderen Zeitraum. Im Jahr 2020 findet der Fastenmonat vom 24. April bis zum 24. Mai statt. In dieser Zeit fasten gläubige Musliminnen und Muslime zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang. Das heißt, dass sie tagsüber nicht essen und nicht trinken.

Dieser verschobene Rhythmus der Essgewohnheiten kann bei Menschen mit Diabetes zu gesundheitlichen Problemen führen. Zwar müssen Musliminnen und Muslime mit Diabetes nicht fasten, viele Gläubige möchten aber trotz chronischer Erkrankung am Ramadan teilnehmen.

Sollten Menschen mit Diabetes fasten?

Das Fasten im Ramadan ist eine der 5 Säulen des Islams. Jede Muslimin und jeder Muslim kann ab Beginn der Pubertät für sich entscheiden, ob sie oder er in dieser Zeit fasten möchte. Das gilt auch für Musliminnen und Muslime mit Diabetes.

Jedoch ist bei ihnen wichtig, dass sie die Entscheidung über das Fasten individuell in Absprache mit ihrer behandelnden Ärztin beziehungsweise ihrem behandelnden Arzt treffen. So können schwere Blutzuckerentgleisungen vermieden werden und die betroffenen Personen lernen, das eigene Risiko für den weiteren Krankheitsverlauf abzuschätzen. Denn sowohl der Diabetes-Typ als auch die medikamentöse Behandlung und mögliche Begleit- und Folgeerkrankungen haben einen Einfluss auf das Gesundheitsrisiko während der Fastenzeit.

Gut zu wissen:

Für Menschen, die eine chronische Erkrankung haben, beispielsweise Diabetes, kann fasten ein Gesundheitsrisiko darstellen. Falls sie trotzdem fasten möchten, sollte dies nach ärztlicher Absprache erfolgen.

Je nach Risiko kann zwischen 3 Personengruppen unterscheiden werden:


  • Gruppe 2: Es besteht ein hohes Risiko bei Personen mit
    • einem schlecht eingestellten Typ-2-Diabetes.
    • einem gut eingestellten insulinbehandelten Typ-2-Diabetes.
    • einem gut eingestellten Typ-1-Diabetes.
    • Schwangerschaftsdiabetes oder einer Schwangerschaft bei bestehender Typ-2-Diabetes-Erkrankung, die durch eine Basistherapie oder Metformin behandelt werden.
    • einer chronischen Nierenerkrankung (Stufe 3).
    • Herz-Kreislauf-Erkrankungen.
    • weiteren chronischer Erkrankungen.
    • Diabetes, die körperlich schwer arbeiten.

  • Gruppe 3: Es besteht ein mittleres bis geringes Risiko bei Personen mit einem gut eingestellten Typ-2-Diabetes, der wie folgt behandelt wird

Aus ärztlicher Sicht sollten Menschen mit einem sehr hohen oder hohen Risiko (Gruppe 1 und 2) nicht fasten. Wenn sich diese Personen trotzdem dazu entschließen zu fasten, sollten eine intensive Betreuung und Schulung durch die behandelnde Ärztin oder den behandelnden Arzt sowie regelmäßige Blutzuckerkontrollen und gegebenenfalls eine Anpassung der medikamentösen Behandlung erfolgen.

Was sollten Menschen mit Diabetes beim Fasten beachten?

Der Fastenmonat bringt einige Veränderungen mit sich, die bei der Diabetes-Therapie berücksichtigt werden müssen. Daher ist als Vorbereitung auf das Fasten im Ramadan nicht nur ein Gespräch mit dem Imam, dem Leiter der Gottesdienste in einer Moschee, sondern vor allem mit der behandelnden Ärztin oder dem behandelnden Arzt unerlässlich. Dies sollte etwa 6 bis 8 Wochen vor der Fastenzeit stattfinden und die folgenden Punkte beinhalten, die anschließend während des Ramadans beachtet werden sollten:

1. Risiko einschätzen

Bei manchen Personen kann Fasten zu einem erhöhten gesundheitlichen Risiko führen. Denn sowohl der Diabetes-Typ, die aktuelle medikamentöse Behandlung und mögliche Begleit- und Folgeerkrankungen als auch der Beruf haben einen Einfluss auf das Gesundheitsrisiko während des Fastens. Vor allem das Risiko für schwere Unterzuckerungen (Hypoglykämien) sowie Überzuckerungen (Hyperglykämien) muss eingeschätzt werden. Deshalb ist es wichtig, bereits vor Beginn des Fastenmonats gemeinsam mit der behandelnden Ärztin oder dem behandelnden Arzt das individuelle Risiko zu bestimmen. Zur Selbsteinschätzung werden beim Unterpunkt „Können Menschen mit Diabetes fasten?" 3 Personengruppen je nach Risiko unterschieden.

2. Regelmäßige Kontrolle des Blutzuckers

Das selbstständige Messen des Blutzuckerspiegels sollte gut beherrscht und auch während des Ramadans regelmäßig durchgeführt werden (mindestens 2-mal täglich, bei Insulintherapie 3 bis 4 Messungen pro Tag). Denn der verschobene Essrhythmus kann sich auf den Blutzucker auswirken. Vor allem nach den oft reichhaltigen, abendlichen Mahlzeiten sollte der Blutzucker gemessen werden, um Überzuckerungen zu vermeiden.

3. Ernährung

Das veränderte Ess- und Trinkverhalten während des Ramadans kann den Blutzuckerspiegel stark beeinflussen. Ein Ernährungsplan mit gesunden Alternativen zu einigen üblichen Speisen, zum Beispiel mehr Gemüse und Salat anstelle von vielen frittierten und süßen Speisen, kann dazu beitragen, dass der Blutzuckerspiegel nach den Mahlzeiten weniger stark ansteigt.

Auch nach Ende des Ramadans sollte darauf geachtet werden, dass nicht zu viel Nahrung aufgenommen wird, um einer Überzuckerung vorzubeugen. Ebenfalls sollte im Anschluss an den Fastenmonat erneut die behandelnde Ärztin oder der behandelnde Arzt aufgesucht werden. Dabei sollte die weitere Diabetes-Behandlung besprochen und gegebenenfalls die medikamentöse Behandlung wieder an die normalen Essgewohnheiten angepasst werden.

4. Bewegung

Starke körperliche Anstrengung sollte während der Fastenzeit aufgrund des erhöhten Risikos für Unterzuckerungen und/oder einen Flüssigkeitsmangel (Dehydratation) vermieden werden. Jedoch ist auch in dieser Phase eine leichte bis moderate Bewegung, zum Beispiel Spaziergänge, sehr wichtig und sollte jeden Tag erfolgen.

5. Veränderung der Medikation

Während des Ramadans kann es verstärkt zu Unterzuckerungen während des Tages und zu Überzuckerungen während der Nacht kommen. Deshalb ist es wichtig, die Diabetes-Behandlung im Vorfeld mit der behandelnden Ärztin oder dem behandelnden Arzt zu besprechen und gegebenenfalls die Dosis, den Zeitpunkt der Einnahme oder die Art der Medikamente anzupassen. Auch der Blutdruck und die Blutfettwerte können von den veränderten Ess- und Trinkgewohnheiten beeinflusst werden. Dies sollte bei der Behandlung ebenfalls berücksichtigt und mit der behandelnden Ärztin oder dem behandelnden Arzt besprochen werden.

Wann sollte das Fasten unterbrochen werden?

Treten Anzeichen für eine Unterzuckerung oder Überzuckerung auf, muss sofort der Blutzucker gemessen und gegebenenfalls das Fasten unterbrochen werden.

Generell sollten alle Menschen mit Diabetes die Fastenzeit unterbrechen, wenn

  • der Blutzucker unter 70 mg/dl (3,9 mmol/l) sinkt. Bei einem Blutzuckerspiegel zwischen 70 bis 90 mg/dl (3,9 bis 5,0 mmol/l) sollte nach einer Stunde erneut der Blutzucker kontrolliert werden.
  • der Blutzucker über 300 mg/dl (16,7 mmol/l) liegt.
  • Symptome einer Unter- oder Überzuckerung, eines Flüssigkeitsmangels oder eine akute Erkrankung auftreten.
    (Achtung: Bei vorliegendem Flüssigkeitsmangel kann es auch zu einer Fehleinschätzung des tatsächlichen Blutzuckerwertes durch das Blutzuckermesssystem kommen. Es gilt somit die Grenzwerte als zwingend zu betrachten).

Unterzuckerungen (Hypoglykämien) stellen für Menschen mit Diabetes während des Ramadans ein großes gesundheitliches Risiko dar. Für Schwangere und ihr ungeborenes Baby ist das gesundheitliche Risiko noch deutlich größer. Daher wird Schwangeren mit einer bestehenden Diabetes-Erkrankung oder mit Schwangerschaftsdiabetes dazu geraten, nicht zu fasten. Nach Rücksprache mit den betreuenden Ärztinnen und Ärzten kann – falls gewünscht – nach einem Schwangerschaftsdiabetes das Fasten nach dem Abstillen nachgeholt werden.

Die 2 bis 3 Mahlzeiten pro Tag während des Ramadans können dazu verleiten, große Mengen an Speisen in einer kurzen Zeit zu essen. Dabei können sich besonders energiereiche Speisen mit vielen ungesunden Fetten und freien Zuckern negativ auf den Blutzuckerspiegel eines Menschen mit Diabetes auswirken. Schwere Überzuckerungen können die Folge sein. Daher sollte auch in der Fastenzeit eine gesunde und ausgewogene Ernährung angestrebt werden. Morgens (Suhur) sollten bevorzugt komplexe Kohlenhydrate und viele Ballaststoffe, wie sie in Vollkornprodukten oder Hülsenfrüchten vorkommen, aufgenommen werden. Abends (Iftar) werden fettarme Speisen empfohlen. Dazu zählen zum Beispiel Gemüse, Obst, Salat oder helles Fleisch.

Neben dem Essen ist das Trinken zwischen Sonnenuntergang und Sonnenaufgang sehr wichtig. Dafür bieten sich vor allem Wasser und ungesüßte Tees an.

Während des Ramadans verändert sich der ganze Tagesablauf, inklusive des Schlaf- und Essrhythmus. Auch die Speisenauswahl kann sich verändern und ungewohnte Auswirkungen auf den Blutzuckerspiegel haben.

In negativer Hinsicht können folgende Risiken mit dem Fasten einhergehen:

  • Unterzuckerungen (Hypoglykämien)
  • Überzuckerungen (Hyperglykämien) und diabetische Ketoazidosen
  • Bluthochdruck (Hypertonie)
  • Niedriger Blutdruck (Hypotonie)
  • Verschlechterung der Blutfettwerte
  • Blutgerinnsel (Thrombosen)
  • Flüssigkeitsmangel (Dehydrierung)

Das Fasten kann aber auch positive Effekte mit sich bringen:

  • Verbesserung der Beziehung zwischen Ärztin oder Arzt und der Patientin beziehungsweise dem Patienten
  • Verbesserung des Diabetes-Managements, durch einen größeren Fokus auf den eigenen Körper und die Diabetes-Erkrankung
  • Gewichtsverlust
  • Verbesserung der Blutfettwerte

Quellen:

Al-Arouj, M. et al.: Recommendations for Management of Diabetes During Ramadan. In: Diabetes Care, 2005, 28: 2305-2311
International Diabetes Federation et al.: Diabetes and Ramadan: Practical Guidelines. 2016, Brüssel
International Diabetes Federation: Diabetes and Ramadan. (Letzter Abruf: 07.04.2020)
Stand: 21.04.2020