Genetisches Risiko und Lebensstil gemeinsam untersucht
Die Forschenden untersuchten in der Studie, wie genetische Veranlagung und Lebensstil gemeinsam mit dem Risiko zusammenhängen, neu an Typ-2-Diabetes zu erkranken. Dabei interessierte sie besonders die Frage: Spielt ein gesunder Lebensstil auch dann eine Rolle, wenn jemand aufgrund seiner Gene ein erhöhtes Diabetesrisiko hat?
Für die Studie analysierte ein internationales Forschungsteam Daten von 332.251 Personen aus der UK Biobank, die zu Studienbeginn keinen Diabetes hatten. Das genetische Risiko wurde anhand eines Risikoscores aus mit Typ-2-Diabetes assoziierten Genvarianten bestimmt. Je nach Score wurden die Teilnehmenden einer Gruppe mit niedrigem, mittlerem oder hohem genetischem Risiko zugeordnet. Zusätzlich erfassten die Forschenden 4 Lebensstilfaktoren: Rauchstatus, Body-Mass-Index (BMI), körperliche Aktivität und Ernährungsqualität. Als „gesund“ galt der Lebensstil, wenn mindestens 3 dieser 4 Faktoren günstig ausgeprägt waren. Waren mindestens 3 Faktoren ungünstig, wurde der Lebensstil als „ungesund“ eingestuft. Alle übrigen Kombinationen galten als „mittel“.
Die Teilnehmenden wurden im Median 13,6 Jahre beobachtet. In diesem Zeitraum entwickelten 13.128 Personen einen Typ-2-Diabetes.
Sowohl die genetische Veranlagung als auch der Lebensstil waren unabhängig voneinander mit dem Erkrankungsrisiko verbunden. Personen mit hohem genetischem Risiko hatten im Vergleich zu Personen mit niedrigem genetischem Risiko ein etwa 2,6-fach erhöhtes Risiko, im Beobachtungszeitraum einen Typ-2-Diabetes zu entwickeln. Ein als ungesund eingestufter Lebensstil war gegenüber einem gesunden Lebensstil mit einem rund 6,8-fach höheren Erkrankungsrisiko verbunden.
Auch innerhalb der verschiedenen genetischen Risikogruppen trat Typ-2-Diabetes bei Personen mit günstigerem Lebensstil seltener auf. Unter den untersuchten Einzelfaktoren zeigte der BMI den stärksten statistischen Zusammenhang mit dem Erkrankungsrisiko, gefolgt von Rauchstatus und körperlicher Aktivität.
Mehr als 55 Prozent vermeidbar? Nur eine statistische Schätzung
In einer zusätzlichen statistischen Berechnung schätzten die Forschenden, dass mehr als 55 Prozent der neu aufgetretenen Typ-2-Diabetes-Fälle in dieser Studienpopulation theoretisch nicht aufgetreten wären, wenn alle Personen mit einem mittleren oder ungesunden Lebensstil stattdessen der gesunden Lebensstilgruppe angehört hätten.
Diese Zahl darf jedoch nicht mit einem in einer klinischen Interventionsstudie nachgewiesenen Präventionseffekt gleichgesetzt werden. Die Forschenden veränderten den Lebensstil der Teilnehmenden nicht gezielt. Es handelt sich vielmehr um eine statistische Schätzung aus einer Beobachtungsstudie.
Aktuelle Forschung
Auch der verwendete genetische Risikoscore ist ein Instrument der wissenschaftlichen Analyse. Die Studie untersuchte nicht, ob ein solcher Test die Prävention im klinischen Alltag verbessert oder einen zusätzlichen Nutzen gegenüber etablierten Risikofaktoren bietet. Aus den Ergebnissen lässt sich daher keine Empfehlung für einen routinemäßigen Einsatz genetischer Risikoscores ableiten.
Bei der Interpretation sind zudem Einschränkungen zu beachten. Die Lebensstilfaktoren wurden überwiegend zu Studienbeginn erfasst, teilweise anhand von Selbstauskünften. Veränderungen während der Nachbeobachtung konnten daher nur eingeschränkt berücksichtigt werden. Zudem sind Teilnehmende der UK Biobank im Durchschnitt gesünder als die britische Allgemeinbevölkerung, was die Übertragbarkeit der Ergebnisse begrenzen kann.
Da es sich um eine Beobachtungsstudie handelt, kann sie keine Kausalität belegen. Die aktuellen Ergebnisse liefern jedoch weitere Hinweise darauf, dass beeinflussbare Lebensstilfaktoren auch bei hoher genetischer Veranlagung eine wichtige Rolle für das Risiko eines Typ-2-Diabetes spielen können.
Quellen:
Deutsches Ärzteblatt: Typ-2-Diabetes: Mehr als die Hälfte aller Erkrankungen sind vermeidbar. (Letzter Abruf: 25.06.2026)
Zhao, C. et al.: Associations of Combined Genetic and Lifestyle Risks With Incident Type 2 Diabetes in the UK Biobank. In: Diabetes. 2026, 75: 860–866



